Freiheit und Sprache – Eine kleine Einführung zum Werdegang der Neugriechischen Literatur

von Niki Eideneier

„Wir wollen Prosa, Prosa!“ Den Schrei des griechischen Gelehrten aus dem 19. Anfang des 20. Jahrhunderts, Jannis Psycharis (1854-1929), hat man seitdem öfter gehört, zuletzt in der deutschen Verlagslandschaft, als es darum ging, bedeutende Werke der Neugriechischen Literatur angesichts der Internationalen Frankfurter Buchmesse 2001, als Griechenland das Gastland war, auch dem deutschen Lesepublikum vorzustellen.
Und die deutschen Verlage, zumindest was den Ertrag der letzten Jahre anging und was sowieso dem Geist unserer Zeit weiterhin entspricht, konnten wirklich aus dem Vollen schöpfen. Was nämlich Psycharis mit seinem Roman „Meine Reise“ (1888) nicht zu schaffen vermochte, hat das halbe 19. Jahrhundert und über seine erste Hälfte hinaus das 20. auch nicht geschafft; eine Prosaproduktion hervorzubringen, die nicht nur qualitätsvoll gewesen wäre, sondern auch ein breite Leserschaft hätte erreichen können.
Im Gegensatz dazu blühte und gedieh aber eine Dichtung in diesem Land, die ihresgleichen suchen müsste, und das geschah so selbstverständlich, ununterbrochen und mit jeder Konsequenz, dass man sich die Frage stellen muss: Warum?
Jannis Psycharis war ein Grieche der Diaspora – er stammte von der Insel Chios und hat fast sein ganzes Leben in Paris verbracht –, er gehörte zu dem einen, dem „fortschrittlichen“ Lager, von den zweien, in welche die griechische Geisteswelt der damaligen – und nicht nur der damaligen – Zeit gespalten war. Seine Position war, dass erst die Schaffung und dann die Durchsetzung einer Volkssprache auch als offizielle Schriftsprache des jungen Staates, also somit auch der Literatur, die Bildung vorantreiben und den Fortschritt vollziehen könnte. Und diese Volkssprache war nicht nur gegeben, da sie die normal gesprochene Sprache durch die Jahrhunderte der Osmanischen Herrschaft hindurch über den früheren byzantinischen, sprich griechischen (Kultur-) Raum war, eine Sprache, die sich entwickelte wie jede lebendige Sprache der Welt und ihren künstlerischen Ausdruck vor allem in der Volksdichtung fand, einer Dichtung, die bis heute lebt und die Grundlage der namentlichen Kunstdichtung gebildet hat.
Das andere Lager war der Meinung und kämpfte auch vehement dafür, dass Griechenland sich nur dann von der Misere der Unbildung und des geistigen Tiefs, in dem es sich seit Jahrhunderten befand, erholen könnte, wenn es direkt an die Antike anknüpfen würde, was Ideengut, Denkweise, Vorbilder und vor allem Sprache angeht. Die Bewegung des so genanten „Attizismus“, dessen Anfang bereits im Altertum zu verzeichnen war, verursachte die so genannte „Diglossie“, also die zwei Sprachtypen, wovon die volkstümliche gesprochen und die dem Altgriechischen nahe Sprache die offizielle und die geschriebene war. Die Diglossie dauerte durch die ganze tausendjährige Geschichte der byzantinischen Epoche fort, hatte damals bereits den Alltag der Griechen bestimmt, und das geistige Leben konservativ beeinflusst. Der gemäßigte, auch aus Chios stammende und auch in Paris lebende Gelehrte, Adamantios Korais (1748-1833), suchte einen Mittelweg. Er plädierte bereits lange vor der Griechischen Revolution (1804) und der Konstituierung Griechenlands zu einem eigenständigen Land für eine griechische Sprache, die auf der Volkssprache basieren, aber „korrigiert“ und „verschönert“ nach dem Vorbild der alten Sprache werden sollte, also für die so genannte „Katharevussa“, die „Reinigende“, welche fast bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts sich offiziell hat behaupten können. Die Auseinandersetzungen waren nicht nur geistiger Natur, sondern führten im Laufe der Zeit bis zu Straßenschlachten, als z.B. aufgeweckte Intellektuelle die Evangelien in die Volkssprache zu übersetzen wagten. Konsequenter Weise wirkte diese Mischsprache verheerend und sehr retardierend für die Entwicklung einer eigenständigen Literatur. Hinzu kam eine andere Tatsache, die sehr hemmend für die Entwicklung eines eigenständigen politischen Lebens des Landes wirkte: Griechenland, erst 1830 zu einem Nationalstaat erhoben und lange danach nur unter dem Protektorat europäischer Großmächte existierend, mit einer Schar gutwilliger „Philhellenen“ im Rücken, die im neuen Hellas ihre eigenen humanistischen Ideale westlicher Prägung haben verwirklicht sehen wollen, konnte erst erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts einigermaßen auf eigenen Beinen stehen. Die „historische“ Periode des griechischen Staates – der immerhin bis zum Jahr 1912/13 ohne seinen gesamten nördlichen Raum, das heißt ab Larissa, ohne viele seiner Inseln, darunter Kreta, die Ionischen Inseln und sogar bis nach dem zweiten Weltkrieg ohne den Dodekanes, also ohne alle diese neuralgischen Territorien, existieren und als Staat fungieren musste – beginnt eigentlich erst nach der Kleinasiatischen Katastrophe 1922, die, so schmerzhaft sie auch war und so viele Verluste sie auch einbrachte – über 50 000 Tote, Armenier und Griechen, etwa 1,1 Millionen Griechen mussten ihre Heimat verlassen und sich als Flüchtlinge auf kleinstem Raum niederlassen – zur Besinnung und zur Restaurierung verhalf und führte. Ab dann wusste man in diesem Land, was man hatte, wo die Grenzen seiner Möglichkeiten lagen, wofür man sich einsetzen sollte und was zu tun war, kurz: seine wirkliche Identität suchen und finden.
Wende/Strophi – der viel zitierte Titel einer der wichtigsten Gedichtsammlungen von Jorgos Seferis (1900-1971, Literatur Nobel Preis 1963) erschienen 1931 – impliziert eben neben der Wende in der Geschichte auch eine Wende in der Form und in der Thematik der Literatur wie auch einen markanten Übergang von der Prähistorie zur eigentlichen neugriechischen Literaturgeschichte.
In den ersten „freien“ Jahrzehnten seiner Existenz hatte Griechenland und seine Literatur natürlich sich auch in Prosa auszudrücken versucht. Große Erzähler wie Emmanuil Roidis (1836-1909) und Georgios Visyinos (1849-1896) und bald darauf auch Alexandros Papadiamantis (1851-1911) und Andreas Karkavitsas (1866-1922) hatten auch mit den Sprachproblemen bewusst oder unbewusst zu schaffen gehabt. Erzählungen von ihnen, die in einer gemäßigt antikisierenden Sprache verfasst waren, kamen höchstens als (Zwangs-) Lektüre in die Schulbücher, später, heute, da sie einen anerkannten Platz im Kanon der klassischen neugriechischen Bücher gefunden haben, müssen sie mit Glossaren und Kommentaren versehen werden.
Diese Schriftsteller waren dann auch die Vorbilder der so genannten Generation der 30er Jahre, die gleich nach der Kleinasiatischen Katastrophe in Erscheinung traten am Wendepunkt der Geschichte und des Geisteslebens des Landes.
Ein Dutzend Namen machte von sich reden, hier am bekanntesten: Elias Venesis (1904-1973 Äolische Erde) und Stratis Myrivillis (1892-1969 Das Leben im Grabe. Die Madonna mit dem Fischleib. Die Lehrerin mit den Goldaugen), bald auch Angelos Terzakis (1907-1979 mit seinem monumentalen Werk Prinzessin Isabeau). Dazu ist sicher auch Nikos Kasantzakis (1883-1957) zu zählen, dieses Genie, das eine eindeutige Stellung im „Sprachenkampf“ bezogen hatte, lieferte er doch zusammen mit dem Professor für Altgriechsch an der Universität Thessaloniki, Ioannis Kakridis, die erste, noch heute gültige Übersetzung der homerischen Ilias und Odyssee in die Volkssprache, lange bevor er sein reifstes Werk, die eigene Odyssee schrieb.
Für Kasantzakis und seine Zeit- und Geistesgenossen war die Sprachfrage längst entschieden gewesen. Dionysios Solomos’ (1798-1857) Dialogos (1824), ein erdachtes, ausführliches Gespräch zwischen einem „Höchstgelehrten“ und dem „Dichter“ über die Schriftsprache, in dem alle positive Argumente, auch die literarischen natürlich der Volkssprache galten, bot auch ihnen Argumente. „Nichts anderes habe ich im Sinn als Freiheit und Sprache“ sagte Solomos, und die Dichter und die Prosaschriftsteller seiner Gesinnung haben sich für beides ihr Leben lang eingesetzt – man muss bedenken, dass erst 1975, also kurz nach der Beseitigung der Militärdiktatur in Griechenland (1967-1974) die Volkssprache offiziell in den Schulen aller Stufen per Dekret eingeführt wurde.
Dichtergrößen wie Kostis Palamas (1859-1943), Angelos Sikelianos (1884-1951), später Jorgos Seferis, Jannis Ritsos (1909-1990, Leninpreis 1977) und natürlich Odysseas Elytis (1911-1996, Literatur Nobelpreis 1979) haben nie geschwankt. Für sie war die Volkssprache ihr Instrument, weil sie die natürliche Entwicklung einer 3000 Jahre alten Sprache, die das Alte bewahrend, allem Neuen aufgeschlossen gegenübersteht, akzeptiert oder ablehnt, dem Sprachgefühl des Volkes folgend. Konstantinos Kavafis (1863-1933) ist dabei ein Sonderfall: Seine Sprache diktieren ihm jeweils die Themen seiner Dichtung, die von den allgemein historischen, vor allem in der hellenistischen Zeit angesiedelten, bis zu den ganz privaten, den erotischen reicht, und entsprechend sind die Formulierungen.
Freiheit und Sprache: Das sind die zwei Hauptkomponenten, welche die Geschichte der neugriechischen Literatur bestimmt haben, ohne deren positive Wirkung keine heutige Blüte erreicht worden wäre.
Denn wir können in der Tat von einer Blüte sprechen. Wie in einer Explosion sahen berühmte Werke berühmt gewordener Autoren Anfang der 60er Jahre – dem ersten griechischen Frühling nach den Wintern des 2. Weltkriegs, der Deutschen Besatzung , des verheerenden Bürgerkriegs und des (eis-) Kalten Kriegs das Licht der Öffentlichkeit: Verlage wurden gegründet, Buchhandlungen mit gut informiertem Personal wurden zu Lesesälen, literarische Zeitschriften förderten die Literaturkritik und gaben jungen Autoren ein Forum, Kulturvereine organisierten Buchpräsentationen, wo der Dialog mit den Schriftstellern stattfand. Die Menschen lasen und lasen, sie schrieben und dichteten. Die sogenannten Nachkriegsdichter : Manolis Anagnostakis, Titos Patrikios, Aris Alexandrou, Takis Sinopulos, hatten endlich die Gelegenheit, die „schlimmen Zeiten“ zu verarbeiten; die Surrealisten: Andreas Empirikos, Nikos Engonopulos, Nikos Gatsos, Miltos Sachturis produzierten ihre schönsten, da freien Verse; die drei großen schließlich: Seferis, Ritsos, Elytis ergänzten ihr Werk mit ihren reifsten Kompositionen. Sie, zusammen mit den Prosaschriftstellern der Nachkriegeneration – hier stellvertretend einige Namen: Kostas Tachtsis, Andreas Frangias, Stratis Tsirkas, Dido Sotiriou, Spyros Plaskovitis u.v.a.m. –, bildeten den Kreis der Literaten, die neue Impulse einbrachten, frei von jedem Konformismus, schöpferisch, offen und interessiert zwar nicht nur für das Eigene, doch hauptsächlich auf der Suche nach dem Was war und Was ist. Die Erzählung, ein Genre, das schon früh Höhepunkte erreicht hatte, wird intensiv gepflegt von dem Hauptvertreter Dimitris Chatzis; es beginnt schließlich eine erste intensive Übersetzungstätigkeit auch in die deutsche Sprache (Isidora Rosenthal-Kamarinea, Helmut von den Steinen u.a.).
Aber nicht nur die Literatur erlebte diese Renaissance; die neue Musikkultur, die in den Händen von jungen Komponisten und Interpreten, wie Mikis Theodorakis und Manos Chatzidakis, später Weltberühmtheit erlangen sollte, machte in dieser Zeit von sich reden, bediente sich der zeitgenössischen Dichtung in ihrem Anspruch auf Qualität sowohl in Melodie und Rhythmus wie im Wort, womit sie wiederum die Dichtung in aller Munde brachte; das Kino und das Theater brillierten, und nicht nur mit dem antiken Drama, sondern mit ganz neuen Regisseuren und Theaterautoren. Auch die Malerei und die Architektur zeigte sich erneuert und suchte nach Wegen und Formen nicht nur im westlichen Ausland.
Doch all das sollte nicht lange währen. Das Militär, in Angst, dass der Fortschritt auch des politischen Lebens kein Zurück mehr dulden würde, schlug zu. Die geschichtlichen Ereignisse bestimmten schon wieder das geistige Leben, alles wurde verboten, die Sprache kehrte zu ihrer konservativen Form zurück, und die Kirche machte mit, um alte Machtpositionen zu festigen und neue zu erlangen. Die Literatur schwieg auf einmal gänzlich volle zwei Jahre lang aus Protest, aber auch durch die Zensur. Die Gefängnisse und die Deportationsinseln quollen über von Oppositionellen, darunter Dichter und Prosaschriftsteller, viele wanderten im letzten Augenblick vor ihrer Festnahme ins Ausland aus.
Auch wenn die Zeit der Junta in Griechenland (1967-1974) nicht unbedingt großen Eingang in die Literatur fand – exzellente Werke, wie Amtsanmaßung von Alexandros Kotzias, Alte Schlacke von Maro Duka und einige Erzählungen waren fast die Ausnahme –, hat sie auf andere Weise einen, diesmal positiven Stempel auf das Leben danach und auf die neueste Literatur des Landes aufgedrückt: Indem sich eine noch nie gekannte Solidarität in der Verachtung und im Kampf gegen die Militärs, die selbsternannten „Retter der Nation“ entwickelte, bewirkte sie die Linderung der tiefen Wunden des Krieges, des Bruder- und des anschließenden Kalten Krieges auf eine wundersame Weise. Eine neue Art von Freiheit war zu spüren, Emotionen haben sich gelegt, das In-sich-Graben und Grübeln überließ seinen Platz allgemein menschlichen, wichtigen Problemen. Die Dichtergeneration der 70er Jahre: Katerina Angelaki-Rooke, Kiki Dimula (Europäische Literatin des Jahres 2010), Michalis Ganas, Jannis Kondos, Maria Laina, Christophoros Liontakis, Jorgos Markopulos, Jenny Mastoraki, Nassos Vajenas, Anastassis Vistonitis u.v.a.m. kehrt der griechischen Geschichte, auch der neuesten, sozusagen den Rücken, auch wenn sie in jener Zeit Zuflucht und Heimat in der Nachkriegsdichtung gefunden hatten. Ihre Vertreter leiden aber offensichtlich an dem Verlust der „Fortsetzung“ (M. Anagnostakis), die die Junta verursacht hat, sie leiden substantiell, denn sie sind ideologisch heimatlos. Sie drücken diesen Schmerz mit Wut aus, „der dialektische Überzeugungsversuch der Älteren wird durch Faustschläge in den Magen und durch Schockbehandlungen ersetzt, die höfliche Sprache durch eine bissige Zunge und das billigste Alltagsidiom verstärkt durch das literarische Vokabular, aber auch durch gemeine „Slogans“ – wie die Kritikerin Nora Anagnostaki bemerkt. Und ihre Dichternachkommen wenden sich ausschließlich einer „privaten Vision“ zu, sie sind nunmehr unbefangen, in der Weltdichtung mit allen Strömungen zu Hause, also Einflüssen offen, selbst Weltreisende, umweltbewusst, sozialen aber vor allem Problemen psychologischer Art aufgeschlossen: das „geschlossene Gedicht“, dem das „offene Gedicht“ entgegensteht, Diskussion über die Dichtung durch die Dichtung; der Versuch, das Stigma der letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts, nämlich die Subjektivierung fern von sozialen und sozialistischen Idealen, in Verse einzufangen. Es fehlen aber auch nicht diejenigen, welche die Not einer „Rückkehr“ – zurück zum Volkslied – empfinden, die sogar dessen Form mit ein beziehen, den Reim. „Ich nehme an, dass dieses Verlangen durch eben eine Sättigung diktiert wird, die aus dem poetischen Brei, zu dem sich in den schlechtesten Fällen der freie Vers entwickelte, hervorgegangen ist“, meint einer der sensibelsten zeitgenössischen Dichter, Michalis Ganas, um weiter festzustellen: „Ich behaupte nicht, dass alle diejenigen, die in freien Versen schreiben schlecht sind, und diejenigen, die die Versform benützen, gut sind. Im Gegenteil. Es gibt heute (in Griechenland) eine sehr gute Dichtung, sowohl in freier wie in traditioneller Versform“.
Und die Prosa? Psycharis’ verzweifeltes Verlangen „Wir wollen Prosa, Prosa!“ hallte nach, und, wie auf Kommando erschien eine Fülle von Romanen, Erzählungen und Novellen, eine Fülle von Namen von Autoren, die während der Militärdiktatur reiften: Thanassis Valtinos, Nikos Bakolas, Christophoros Milionis, E. Ch. Gonatas, Alki Zei, Tatiana Gritsi-Milliex, Kostula Mitropulou, Vassilis Vassilikos, Pavlos Matessis, Menis Kumandareas, Alexandros Kotzias, Jorgos Chimonas, Dimitris Nollas, u.v.a.m., und jüngere Autoren, die in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren das literarische Bild Griechenlands verwandelten.
Freilich wurden mal wieder durch die Geschichte die Voraussetzungen für den Roman schneller, als man sich umschauen konnte, erfüllt: Die seit der Nach- und Bürgerkriegszeit einsetzende Landflucht in die Großstädte, die zusammen mit der Migration von Tausenden, vor allem aus dem Norden des Landes stammenden Griechen, zunächst nach Amerika, Australien und Kanada und dann in die Industriestaaten Zentraleuropas (vorwiegend Westdeutschland) die ländlichen Gebiete zum Verwaisen brachten, schuf neben dem Proletariat am Rande der Zentren auch ein Bürgertum, das zum Teil ein Bildungsbürgertum war. Die fortschreitende Industrialisierung gab Stoff und Anlässe. Die bessere Schulbildung schuf neue Leser. Die Stadt Athen der vier Millionen Menschen, aber auch weitere Großstädte wie Thessaloniki, Patras und Iraklion, mit den komplizierten menschlichen Beziehungen, die unaufhörliche Entwicklung und der Anschluss an Europa schließlich – und die darauf folgende Suche nach dem virtuellen europäischen Rahmen – bieten jetzt den Raum für immer besser werdende Romane. Eine unglaubliche Frauenaktivität in der Prosa – in der Dichtung waren die Frauen schon immer stark vertreten – ist zu vermerken (Evjenia Fakinou, Margarita Karapanou, Maro Vamvunaki, Neni Efthymiadi, Maro Duka, Sirana Sateli, Angela Kastrinaki, u.v.a.m.).
Und die Geschichte? Ja, sie spielt immer noch eine Rolle, aber nicht mehr die zentrale, höchstens die strenge Lokalgeschichte einer Region (Kostas Murselas, Sotiris Dimitriou, Jorgis Jatromanolakis, Ioanna Karystiani, Michel Fais, Jorgos Skambardonis), und nicht mehr ausschließlich in ihrer griechischen Version (Soti Triandafyllou, Dimosthenis Kurtovik). Die Autoren scheuen sich nun vor keiner Art der Kunst und der Wissenschaft, um ihre Romane dort anzusiedeln oder gar ihnen die Bühne und die Form zu geben: Musik und Musikempfinden übertragen ihre Modi dem literarischen Wort (Mimika Cranaki), oder die Mathematik (Apostolos Doxiadis), oder die Kochkunst (Andreas Staikos); die Weltliteratur bedient griechische Helden (Amanda Michalopoulou, Alexis Panselinos); weiterhin ist der Mythos präsent, aber nun nicht nur aus dem antiken Schatz, sondern vom heutigen, lokalen oder aus der byzantinischen und osmanischen Zeit (Sirana Sateli, Maro Douka, Evjenia Fakinou, Rhea Galanaki, Nikos Themelis); das Gewagte und Absurde (Ersi Sotiropoulos, Antonis Surunis, Jorgis Jatromanolakis) gewinnt an Qualität, der Kriminalroman und der philosophische Thriller (Petros Markaris, Petros Martinidis, Dimosthenis Kurtovik); sogar Formen der Dichtung mit einer großen Abstraktion werden in den Roman übertragen (Napoleon Lasanis); Komik, Spott, Reflexion, Überspitzung von Klischees, um sie ad absurdum zu führen (Kostas Kontodimos). Usw. usf.
„Wir griechischen Schriftsteller“, sagt Menis Kumandareas, „haben eben nicht die bürgerliche Tradition und Geschichte eines Balzac, Stendhal oder Tolstoi. Andererseits ist das etwas Gewinnbringendes. Weil wir keine „müde“ Literatur haben, keine Literatur, die ihre bürgerlichen Vorbilder wiederkäuen muss. Wir sind eine junge Literatur, und das ist etwas Besonderes. Die Ergebnisse … werden nicht lange auf sich warten lassen – die großen Romane werden kommen“. Oder: Sie sind schon da, möchte man ergänzen.
Es gibt weit verbreitet die Ansicht, auch unter den griechischen Schriftstellern selbst, dass es keine nationale Literatur (mehr) gibt, – „man ist nicht mehr verpflichtet, Autor einer einzigen Sprache zu sein“, meint Vassilis Alexakis –, sondern nur einzelne Literaten, die zufällig in einem geographischen Raum geboren wurden. Einerseits stimmt das – vor allem wenn man sich auch die weltweit aufgekommene Migrantenliteratur vor Augen führt, eine Bewegung, in der die griechischen Autoren zum Beispiel Deutschlands eine wichtige Stellung eingenommen haben –, andererseits könnte man dem die Tatsache entgegenhalten, dass, was die griechische Literatur auch des Auslands anbetrifft, die Literaten eine, bis heute zumindest, starke Bindung vereint. Sie rührt her aus dem geschichtsträchtigen Raum Griechenland und dem Griechentum in aller Welt, wie auch aus der griechischen Sprache. „Unsere Heimat ist die Sprache“, sagt die kosmopolitisch orientierte griechische Schriftstellerin Soti Triandafyllou, und sie weiß, wovon sie spricht.
Die Literatur der Griechen, ob nah ob fern, hat sich jedenfalls angeschickt, ihren Raum auch nach außen zu öffnen; und den gilt es immer wieder zu entdecken und voller Neugier zu betreten.

Von Niki Eideneier

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