Verschiedene Facetten einer Krise der Kultur

Danae Coulmas: Engagiert als Philologin, Journalistin, Diplomatin und Schriftstellerin (Foto: GZ)

Danae Coulmas: Engagiert als Philologin, Journalistin, Diplomatin und Schriftstellerin (Foto: GZ)

Interview mit Dr. Danae Coulmas anlässlich der Verleihung des Ehrenringes der VDGG

Verschiedene Facetten einer Krise der Kultur

An Dr. Danae Coulmas wurde am Freitag (14. März 2015) der Ehrenring der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften (VDGG) verliehen. Ausgezeichnet wurde sie damit für ihren Einsatz für die Völkerverständigung sowie für ihre Verdienste auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet. Die GZ führte aus diesem Anlass mit Frau Coulmas folgendes Interview.

GZ: Was waren Ihre ersten Gedanken, nachdem Sie von der Verleihung des Ehrenrings erfahren haben?

COULMAS: Ich habe mich natürlich sehr gefreut über die Verleihung des Ehrenrings. Ein Ring ist ein starkes Symbol der Verbindung, besonders wenn er verliehen wird von einer Vereinigung, die natürlich unter den „Kulturmittlern“ zwischen Griechenland und Deutschland schon durch ihren Namen exponiert ist: die Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften (VDGG). Das gilt umso mehr in Krisenzeiten. In der internationalen Wirtschaftskrise, die so massiv europäisch ist, haben die DGGs sehr viel getan, um Griechenland finanziell zu unterstützen. Es sind Spenden in beachtlichen Höhen an gezielt ausgewählte Gruppen geflossen. Und sie sind in die Öffentlichkeit getreten, haben sich der Situation gestellt und haben die Krise in den Beziehungen beider Länder thematisiert. In ihren Kreisen sind heute auch viele junge Menschen, die nicht vom Philhellenismus alter Prägung abhängen, sondern sich neu engagieren in der Krise – und so war mein erster Gedanke, als ich von der Verleihung des Rings erfuhr: Es ist der richtige Zeitpunkt.

Bemüht um Vermittlung richtiger Inhalte

GZ: Grund für diese Auszeichnungen sind Ihre Verdienste um die deutsch-griechischen Beziehungen. Was sind die wichtigsten Stationen Ihrer Arbeit in diesem Bereich?

COULMAS: Es gibt mehrere Stadien in diesem Engagement. Ich bin Ende der 1950er Jahre nach Deutschland gekommen, von Athen nach Hamburg. Die Anpassung war auch nicht so schwer, wie man vielleicht vermuten würde. Ich studierte Romanistik, Neugriechische Philologie und Philosophie. Da kam es zur Gründung der Familie. Die Freude griechische Kultur in einem Land zu vermitteln, in dem ich nun lebte, kam allmählich; es war eigentlich ein bisschen auch umgekehrt. Dann kam die Zeit der griechischen Diktatur, die ich als Redakteurin beim Griechischen Programm der Deutschen Welle erlebte. Wir sendeten nun über die deutsche Kultur, die freie demokratische Struktur des Landes nach Griechenland und übten gleichzeitig täglich massive, ständige Kritik am Militärregime. Ich lebte sowieso in Deutschland,

es war insofern keine Exil-Situation, nach Griechenland durfte ich aber nicht fahren. Umso stärker ist die Bindung gewesen und das Interesse an der Vermittlung richtiger Inhalte: In Artikeln, Studien, Sendungen und durch die Herausgabe einer Sammlung antidiktatorischer Texte aus Griechenland: „Die Exekution des Mythos fand am frühen Morgen statt.“ Es folgte die Zeit, in der ich bei der Griechischen Botschaft in Bonn als Botschaftsrätin tätig war. Als Leiterin des Presse- und Informationsbüros, später als Kulturrätin. Neben der Pressearbeit legte ich das Hauptgewicht bei der Kultur auf die Verbreitung der griechischen Literatur. Offiziell und privat: Als Herausgeberin, Kommentatorin, Übersetzerin; es begann die Zusammenarbeit mit deutschen Verlagen wie Fischer, Suhrkamp, Insel und Kiepenheuer & Witsch und mit dem auf griechische Literatur spezialisierten Romiosini Verlag. Deutschland wurde während dieser ganzen Zeit endgültig zu meiner zweiten Heimat. Vielleicht schlägt sich das in der doppelten Biographie „Schliemann und Sophia“ am klarsten nieder …

GZ: An welchem konkreten Projekt arbeiten Sie gerade?

COULMAS: Ich schreibe derzeit ein Buch über Konstantinos Kavafis, und wenn man mich fragt, was das für ein Buch ist, komme ich etwas in Verlegenheit. Es ist zwar eine Biographie, es entfaltet sich aber zu etwas mehr als das. Denn es ist sehr wichtig, den bedeutendsten griechischen Dichter, d. h. sein Leben, aber auch sein Werk, seine Welt und seine Zeit bekannt zu machen. Es wird überhaupt die erste Biographie von Kavafis nach etwa vierzig Jahren und zwar auf Deutsch.

„Wir brauchen mehr Wissen voneinander“

GZ: Was kann man tun, um die deutschgriechischen Beziehungen wieder zu befruchten?

COULMAS: Wir können Griechenland nicht mehr nur „mit der Seele“ suchen. Wir brauchen viel mehr Verstand im Moment. Wir brauchen noch mehr Wissen voneinander: mehr als einen Kulturtransfer; eine Kulturwissenschaft. Es wäre schön, wenn es sogar so etwas wie ein Organ zwischen Griechenland und Deutschland geben würde, welches im täglichen politischen Geschäft beratend wirken könnte. Sagen Sie bitte nicht, dass dies eine Utopie ist. Das funktioniert mit anderen Ländern bereits, z. B. mit Frankreich. Das wäre übrigens durchaus ein Modell u. a. für ein deutschgriechisches Jugendwerk, was angesichts der Situation der Jugend in Griechenland von Dringlichkeit wäre. Und wir brauchen mehr Information, in beiden Ländern.

Ich könnte nun viele erwähnen, Institute, Vereine, Universitäten, einzelne Personen, die bereits in diese Richtung arbeiten, was wirklich Not tut im Augenblick. Lassen Sie mich hier auf die Griechenland Zeitung Bezug nehmen, die sich informativ und kritisch in der Krise bewährt. Und die trotz der finsteren News – mavra mandata -, die sie natürlich auch bringen muss, das Positive nie außer Acht lässt.

Längst überwundene Ressentiments

GZ: Wie spüren Sie die GriechenlandKrise in Deutschland? Wie reagieren Sie darauf?

COULMAS: Ähnlich wie ein Deutscher in Griechenland. Es ist generell schwer, wobei es in Deutschland vielleicht noch etwas schwieriger ist. Je mehr die verschuldeten Länder unter den Sparmaßnahmen leiden, desto größer wird die Kritik gegenüber Deutschland. Deutschland wird hart kritisiert und attackiert – von allen. Aber was Griechenland betrifft, so wird dieses Land nur von Deutschland derartig hart, mit solcher Animosität, attackiert und auch erniedrigt. Wir kennen natür-

lich die Gründe: der Philhellenismus, der hohe Anspruch, die Suche mit der Seele, die Enttäuschung usw. Das hat es immer wieder gegeben, aber es ist neu und erschütternd, dass es in der öffentlichen Meinung beider Länder so unter die Gürtellinie geht. Diese Kampagnen gehen jahrelang und in Deutschland sogar bis zu offiziösen, ja sogar offiziellen Stellen. „Verkauft eure Inseln“ wurde von einem deutschen Abgeordneten gefordert und die BildZeitung hat dann hinzugefügt, „die Akropolis dazu“. Ebenso unannehmbar und absurd geht es aber auch in Griechenland zu. Dort wird Deutschland mit Symbolen aus dem Dritten Reich angegriffen. Das ist indiskutabel, aber andererseits: Krieg und Besatzung hat es ja gegeben … Und Ressentiments, die längst überwunden waren, sind auf einmal wieder da. Obwohl so viele deutsche Touristen nach Griechenland kamen und kommen, die immer so zufrieden waren. Das alles zeigt, dass wir es jetzt mit einer Krise der Kultur zu tun haben. Dem entgegenzuwirken, ist schwer, doch wir alle tun es. Sie dort und wir hier!

GZ: Haben Sie das Gefühl, dass in den letzten Monaten ein kleiner Umschwung in der öffentlichen Meinung gegenüber Griechenland zu beobachten ist?

COULMAS: Ich würde sagen massiv. Erstens wurde weniger berichtet und nach der Phase der Aggressionen kam dann eine Phase des Mitleids, was ich als ein Beschwichtigen empfunden habe. Die wirkliche Lage war auch dann nicht mit dem Verstand erfasst worden.

„Als Europäerin im Vertrauen erschüttert“

GZ: Wann und wie wird Griechenland seine gegenwärtige Krise überwinden?

COULMAS: Ich kann darüber wenig sagen. Das hängt weitgehend von der Situation in Europa ab. Solange die Politiker aber experimentieren und die Finanzmärkte weiterhin unkontrolliert weiter spekulieren und Reformen naturgemäß länger dauern, als man sich in Brüssel vorstellt, solange Rezepturen sich als falsch erweisen, kann sich in Griechenland und auch anderswo nur wenig ändern. Als Europäerin bin ich in meinem Vertrauen erschüttert. Als Griechin habe ich, es mag zu optimistisch klingen, Vertrauen. Vor allem in die junge Generation, die jetzt das Opfer dieser großen Krise ist, dass sie eines Tages die Lage meistern kann. Sie jedenfalls weiß wirklich, wohl als einzige, dass etwas Neues unweigerlich kommen muss, etwas Neues in den gesellschaftlichen und in den individuellen Haltungen.

Das Interview führten Jan Hübel und Robert Stadler.
Mit freundlicher Genehmigung der Griechenlandzeitung