lakovos Kambanellis – Die Freiheit kam im Mai

Buchbesprechung
lakovos Kambanellis – Die Freiheit kam im Mai
Text: Niki Eideneier
kambanellis_01Das Buch kam auf Griechisch zum ersten Mal mit dem Titel „Mauthausen“ 1963 in Athen heraus, erlebte über dreißig Auflagen, und Kambanellis bearbeitete es 1995 für die deutsche Fassung, welche dann unter dem Titel „Die Freiheit kam im Mai“ – dem Titel eines Kapitels – erschien. Auf der einen Teil der Ausgabe begleitenden CD ist die Aufnahme zu hören, welche i m ehemaligen KZ Mauthausen am 7. 5. 1995 gemacht wurde. lakovos Kambanellis war anwesend, Mikis Theodorakis dirigierte selbst. Es singen: Griechisch live Maria Farantouri, Englisch Nadia Weinberg (aufgenommen in Frankfurt/M., August 1995), Hebräisch Elinoar Moav Veniadis (aufgenommen in Tel Aviv, Juli 1995). Das Begleitwort spricht Simon Wiesenthal.
Auf Deutsch erschien nun das Buch im couragierten EPHELANT – Verlag des Dr. F. R. Reiter, der es gewiss mit anderen Kriterien in sein Programm aufgenommen hat, als nur um noch ein Buch mehr in die Holocaustliteratur einzureihen.
Allein dass es bis dato praktisch kein genuin griechisches Buch auf Deutsch über das Schicksal der griechischen Juden gab, welches den Untergang einer ehemals blühenden Gemeinde beschrieb, ist bezeichnend für die Sachlage. Die jüdische Gemeinde mit etwa 60.000 griechischen Juden hatte ihren Hauptsitz in Thessaloniki -einer auch sonst i n ihrer vielfältigen Geschichte vernachlässigten Stadt, die ewig im Schatten vom Koloss Athen vor sich hinlebte und blühte, indem sie ihren „diskreten Charme“ nur Kennern eröffnete. Das galt bis zur völligen Auflösung der Gemeinde durch die Nationalsozialisten, die 1943 die Stadt von ihren jüdischen Bewohnern leerfegten. Ein kläglicher Rest von etwa 1 000 Personen kam mit letzter Kraft aus den mörderischen Lagern Zentraleuropas zurück. Sehr wenig ist von diesem Holocaust in der Welt bekannt, schließlich gab es nicht mal auf Griechisch entsprechende Literatur, außer ein paar mehr oder weniger trockene Geschichtsbücher oder mutige, aber recht magere Erwähnungen innerhalb von Romanen und der hohen Dichtung. Inzwischen hat sich die Landschaft vollständig verändert. Eine Fülle hochrangiger Literatur, Prosa und Dichtung (etwa J. loannou, Periklis Sfyridis, J. Skambardonis – M. Anagnostakis, J. Vafopoulos, D. Christianopoulos) über verschiedene Phasen jüdischen Lebens in Griechenland, über die Rückkehr ins „gelobte Land“ Israel, aber auch über die schlimmsten Zeiten in den verschiedenen Konzentrationslagern Zentraleuropas von älteren und jüngeren Schriftstellern, auch von jüdischen Nachkommen der ganz wenigen Überlebenden. Sogar auf Deutsch gibt es nun griechische Literatur über dasselbe Thema, sowohl in Sachbuchart (u.a. R. Molho, N. Hastaoglou-Martinidi, Jüdische Orte in Thessaloniki) wie schönliterarisch (Die Sonnenblumen der Juden – eine Anthologie; Nina Nahmia, Reina Gilberta, ein Kind im Ghetto von Thessaloniki).
Doch das Buch „Mauthausen“ von lakovos Kambanellis blieb einzigartig, sprich klassisch, auch unter dem neuen Titel. Mag sein, dass seine Popularität i n Griechenland nebenher auch den Vertonungen der daraus inspirierten Gedichte, durch Mikis Theodorakis und der himmlischen Stimme einer Maria Farantouri zu verdanken ist, aber – und warum auch nicht – das hat vor allem seine Aussage intensiviert, hauptsächlich die eine Dimension des Buchs, nämlich die tragische.
Denn das Buch hat viele Dimensionen : Dokumentarisches, das laut eigenen Angaben von Kambanellis im langen zweiten Vorwort, auf seine Richtigkeit überprüft wurde anhand des gleichnamigen Dokumentarbuchs des ebenfalls in Mauthausen gefangen gehaltenen Österreichers Hans Marschalek; Entsetzen und Traurigkeit, Ernst und Heiterkeit, Humor und Ironie, Liebe und Eros, Rückbesinnung und Zukunftsperspektiven; keineswegs Dogmatismus und schulmäßige Didaktik, aber dafür Ethos ohne moralische Zwischentöne . Ganz und gar Kambanellis pur!
Der nicht nur in Griechenland berühmte Theaterautor I. Kambanellis (auf Deutsch kennen wir seinen Theatermonolog: ,, Die Frau und der Falsche“ und das Stück „Kehr heim, Odysseus“), ist in die Literaturgeschichte eingegangen mit acht dicken Bänden , seinen gesammelten Theaterstücken, als derjenige, der zusammen mit ebenfalls würdigen Zeitgenossen, die auf seinen Spuren Großartiges leisteten und leisten, das moderne Theater in Griechenland einführte, aber auch als Drehbuchautor und Filmregisseur . Er ist am 29. März 201 1 hochbetagt gestorben, und dieses Datum gab den Anlass eines Wiederaufflammens seiner Wirkung. In diesem Sinne ist auch in Griechenland seinem Roman „Mauthausen“ neue Aufmerksamkeit geschenkt worden, indem er neu gelesen wird.
Aber zurück zur deutschen Ausgabe: Kambanellis nennt in einer Zusatzbemerkung sein Buch „Bericht“. Irgendwie zu Recht im Eifer des Sich-wieder-im-Normalleben­ Eingewöhnens eines ehemaligen Gefangenen – er wurde 1942 von den Deutschen inhaftiert und in das Lager in Mauthausen gesteckt – denn der Vorteig des Buchs waren schließlich eine Art Tagebuchnotizen. Die wurden in einer Schublade für lange Zeit vergessen, bis dem Autor bei der Zuspitzung des Kalten Krieges nach ’63 bewusstwurde, wie brüchig der Friede war, und er erkannte, dass er eine Pflicht hatte, seine Erlebnisse nicht nur mündlich zu erzählen, sondern diese auch zu überarbeiten und zu Papier zu bringen. Aber was behandelt dieses Buch, das ohne Zweifel inzwischen zur hohen Literatur erhoben wurde? Es behandelt eben die Zwischenzeit. Die Zeit zwischen der Befreiung durch die Alliierten am 5. Mai 1 945, als „Die Freiheit kam…“, bis zu den Tagen, ab dem Sommer 1 945, als jeder der überlebenden Gefangenen in seinem Land ein neues Leben zu beginnen trachtete. Und das ist bei der ganzen ,,Auschwitzliteratur“ ziemlich einmalig, abgesehen vielleicht von Liane Dirks Roman „Und die Liebe? frage ich sie“, in dem die polnische Jüdin Krystyna Zywulska auch von den „Qualen“ der Befreiung erzählt.
Eine relativ kurze Zeitspanne. Aber von welch reichlichen Geschehnissen, mit welcher Intensität und gleichzeitig wie selbstverständlich hier erzählt wird! Rückblickend in die nun vergangene schreckliche Zeit, wo am Schluss alles noch brutaler wurde, da die „SSler“, das Ende ihrer Immunität ahnend, nun mit oder ohne Befehl blindlings um sich schlugen. Die Einzelheiten, die gerade den Kern der Erzählung ausmachen, lassen einen erschaudern und vor Wut zittern, oder einen bei witzigen Bemerkungen schmunzeln und bei komischen Szenen gar erleichtert lachen. Und die Spannung steigt mit jeder Seite, fast wie bei einem Krimi. Und wie schwer füllt einem der Abschied! Denn inzwischen sind Freundschaften entstanden, schöne Liebesgeschichten, die auch den Abschied erleiden müssen. Ein Sack voller Erinnerungen, die mit in die Heimat müssen; man kann sie kaum nachvollziehen, geschweige denn versuchen nachzuerzählen. Der ganze Zauber würde verschwinden, weil dazu der ganz persönliche Erzählstil vom lakovos Kambanellis gehört.
Diese Zeilen werden im Sommer 2012 in unserem Urlaubsort am Meer geschrieben. In der Nähe gibt es ein großes Amphitheater neueren Datums, das im Sommer immer den etwa 2000 Zuschauern, Einheimischen und Urlaubern, ein tolles kulturelles Programm anbietet. Die meisten Veranstaltungen sind bester Qualität: Theater, vor allem antike Dramen und Komödien, klassische und moderne Musik, Varieté, Tanz. Dieses Jahr ist das Programm ganz besonders vielfältig und hochrangig. Die Zuschauer ganze Horden. An einem Montag – an einem Montag! – wurde das im Jahre 1 973 erstaufgeführte Stück -Griechenland stand damals unter der Militärdiktatur, welche bald die Vorstellungen auch verbot – von Kambanellis: „Unser großer Zirkus“, eine politische und gesellschaftliche Betrachtung Griechenlands mit entsprechend scharfer Kritik an Systemen und Ereignissen gespielt. Als wäre das Stück für heute und für das von der Krise erschütterte Land verfasst! Das übervolle Theater bebte drei Stunden lang ohne Pause vor Enthusiasmus und Applaus, die Menschen sangen begeistert die Lieder in der Vertonung von Stavros Xarchakos mit, die Schauspieler gaben ihr Bestes; so stelle ich mir die Bürger Athens vor, wenn sie im Dionysos-Theater den ganztägigen Aufführungen des antiken Repertoires in Gottesdienstart beiwohnten. Kambanellis, wie jeder echter Künstler, hatte mit seinem Stück die heutige Situation prophezeit und die Seele des zeitgenössischen Griechen durchblickt und durchleuchtet. Eine große Atempause von den Sorgen und eine trostvolle Katharsis.
Text: Niki Eideneier
lakovos Kambanellis – Die Freiheit kam im Mai Wien, EPHELANT Verlag, Dr. F. R. Reiter, 2010, 328 S. ISBN: 978-3-900766-17-7
Begleitet von der CD „Mauthausen Cantata“ Übersetzung: Elena Strubakis (Übersetzungsprämie“ des Österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur)
Die Besprechung erschien zum im neafoni 2, vom Dezember 2012