Kiki Dimula – erste Preisträgerin bei der Verleihung des „Prix Européen de Littérature“

Kiki Dimula – erste Preisträgerin bei der Verleihung des „Prix Européen de Littérature“
In Strassburg 2010 am 13. März.

hellhoerig„Plötzlich wurde ich hellhörig“-Gedichte und ein Mythos.
Verlag Romiosini, Köln 2008

„περασα“ / erlebt – Verlag Romiosini Köln und Verlag Ikarus Athen 2010
griechisch-deutsch

Vorliegende Werke „Gedichte und der spielerische Mythos“ und „περασα“/erlebt lassen vier stützende Säulen erkennen, das Spielerische, die immer wiederkehrende Erinne-rung, das „hellhörig werden“ und das „vom Sein zum Nichtsein“.
Wie die Dichterin selbst sagt, sucht sie im Anfang stets nach Inspiration, bewegt dabei große Last hin und her, plötzlich kommt die Inspiration unverhofft wie ein leises Flüstern, sie bekommt einen unklaren innerlichen Auftrag zu mühevoller Vollendung erteilt. Plötzlich durch Versehen oder Zorn, kommt die eigentliche Eingebung. Das gan-ze wird „spielerisch“, Mühelosigkeit einer schweren Aktion, wie es die Ostasiaten aus-drücken.
Eine noch schönere Version solcher Inspiration finden wir in ihrem Grußwort bei der Verleihung des Europäischen Literaturpreises in Strassburg im März 2010: „Unzählige Male bin ich mit meiner Widersprüchlichkeit konfrontiert worden, als eine Dichterin zu gelten und gleichzeitig, immer wenn ich gefragt wurde, was Dichtung sei, mal zu sagen, ich weiß es nicht, und ein andermal Definitionen zu gebrauchen, indem ich einfach schöne Worte erfinde.
Ich erwähne hier eine solche Begriffsbestimmung, die ich selbst improvisiert und Abi-turienten erzählt habe, als sie mich fragten, was Dichtung sei: Du gehst ziellos inmitten der Wüste. Plötzlich hörst du an einem undefinierbaren Ort einen Vogel singen. Wenn-gleich es schier unmöglich erscheint, dass ein Vogel mitten in der Wüste am Himmel hängt und singt, fühlst du dich gezwungen, da du ihn gehört hast oder dir vorstellst, ihn gehört zu haben – das ist dasselbe – ihm einen Baum zu schaffen. Das ist Dichtung“.
Und in der Tat, Kiki Dimula spielt mit ihren Versen, ist unkonventionell, quasi „regellos“, zeigt mitunter eine geistige Verwandtschaft mit Jannis Ritsos auf, und zwar in ihrem Gedicht „Ekstase“ auf S. 14, welches einem seiner Gedichte in seinem Werk „Traum eines Sommermittags“ ähnelt. Spielerisch lässt sie auch Erinnerungen wieder aufleben, so wie in „Laufbahn“ (Seite 18) und in „Manche Nächte“ auf S. 8. Für die Dichterin sind Erinnerungen sicher immer gegenwärtig. So auch auf S. 52, wo sie bei einem Zicklein im Backofen plötzlich das Vorangegangene deutlich spürt.
Um es mal etwas krass auszudrücken: Zwei Zenmeister Japans sahen einen Schwarm Wildgänse vorüberziehen, da fragte der erste: „wo sind die Wildgänse geblieben?“ „Sie sind weggeflogen, Herr!“, gab der zweite zur Antwort. Da gab ihm der erste einen Na-senstüber: „Sie sind immer hier gewesen!“ Und der zweite erwachte!
So wird auch Kiki Dimula Erinnerung empfunden haben.
Vom Seienden zum Nichtseienden: Durch das Spielen der Dichterin auf dem Weg wird der Leser stets mit scheinbar Regellosen konfrontiert, zum Beispiel in dem Gedicht „Ei-ne andere Version der Schöpfung“ auf Seite 43. „Zur Miss Welt wurde die Ewigkeit ge-wählt/sie erschien nicht“ Oder „Nichts/Nur eine Nacht ohne Ende/ Und der erste dipo-dische Schluchzer wurde gehört/Der Apfel hatte ihn gebissen“. Ein Weiser aus dem Osten sagte: „Es ist die Fahne, die den Wind bewegt“. Und so ist die Sprache der Mystik, wie sie z. B. im Mittelalter Meister Ekkehard spricht.
Das scheinbar Regellose mag sicher zum Nichtsein, eben zu dem „Nichts“ führen, was Zenbuddhisten für ein sehr lebendiges Nichts halten- den Urgrund allen Seins und… eben Nichtseins.
Das aber mögen die Leser auch selbst herausfinden, beim Betrachten der Verse medi-tierend, wobei Ihnen die Übersetzung und das Nachwort von Dadi Sideri eine un-schätzbare Hilfe sind. Allerdings zum schnellen Überfliegen sind Kiki Dimulas Verse nicht geeignet. Da sie regelloses Spielen in sich bergen, muss der Leser sich tastend einfühlen, was ihm bei einer gewissen „Hellhörigkeit“ dann auch spielerisch mühelos gelingt.
Das Buch „erlebt“ enthält einen Teil der Gedichte aus „plötzlich wurde ich hellhörig“ auf griechisch und deutsch. Für Kenner der griechischen Sprache eine Möglichkeit zu weiterer Vertiefung.

Jens Beucker