Die NEW GREEK WAVE in Deutschland auf Tour

Die NEW GREEK WAVE in Deutschland auf Tour

von Natalia Sakkatou

HFBB_POSTER_A0_ROADKoeln_webDie Hellas Filmbox Berlin und die Hellas Roadshow sind entstanden aus dem Verlangen einer Gruppe von Berliner Filmschaffenden zu zeigen, was sonst noch los ist in Griechenland. Einen Einblick zu schaffen in die aktuelle griechische Filmproduktion und damit den verengten Blick auf Griechenland zu erweitern.  Eine Initiative, die entstanden ist aus dem unguten Gefühl und dem schlechten Geschmack, die das sogenannte Griechenland-Bashing bei vielen hinterläßt.

Die Hellas Roadshow geht mit ausgewählten Filmen aus dem Festivalprogramm im Anschluss auf Tour durch zahlreiche große und auch kleinere deutsche Städte. Am vergangenen Freitag wurde der Auftakt für NRW im Filmmuseum Düsseldorf, in Anwesenheit des Griechischen Konsuls Gregoris Delavekouras im wahrsten Sinne des Wortes, gefeiert, denn die Resonanz war höher als erwartet. Der Konsul war sichtlich erfreut über das zahlreiche Erscheinen und drückte dies in seiner Begrüßungsansprache aus. Er betonte, wie wichtig Initiativen sind, die Einblicke geben in die Wirklichkeit und die künstlerische Produktion Griechenlands.

Die Roadshow ist ein einzigartiges Konzept, dass zum einen Teil des Preises ist. Denn, wie man sich vorstellen kann, ist das Budget begrenzt, um die hohen Preisgelder ‚rauszuhauen‘ und zum anderen geht es ja gerade darum, die Filme einem größtmöglichen Publikum zugänglich zu machen. Darauf machte in ihrer Rede in Düsseldorf Elena Nikopolitou-Diesbach, die zur organisatorischen Gruppe gehört, aufmerksam. Übrigens, man würde dies all den guten und bemerkenswerten Filmen wünschen, die im Prinzip nur auf Festivals zu sehen sind.

  „The Lobster“  von Giorgos Lanthimos mit Colin Farell und Rachel Weisz in den Hauptrollen. Eine europäische Koproduktion, die in Großbritannien in englischer Sprache gedreht wurde.  „The Lobster“, ist eine düstere Vision in die nahe Zukunft. Der Science-Fiktion-Film erzählt von einer Welt, in der es verboten ist, Single zu sein. Menschen, die sich unvorhergesehen in einem Single-Dasein wiederfinden, müssen sich einen Partner suchen. Unter strengster Aufsicht und mit einem gesetzten Zeitlimit von  45 Tagen. Nur Paare überleben. Die, die es nicht schaffen, werden in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. Unser Protagonist wählt einen Hummer. Kurz vor seiner Verwandlung gelingt ihm die Flucht in die Wälder. Dort existiert eine geheime Parallelgesellschaft  Entflohener. Doch anders als in „Fahrenheit 451“, wo die Buchleser in die Wildnis fliehen, dort aber außer der Freiheit zu lesen auch individuelle Freiheit genießen dürfen, ist hier auch diese parallele Welt der entkommenen Singles von Unterdrückung, Zwang und Gewalt geprägt. Es gibt kein Utopia mehr, sondern nur Dystopia bzw. Dystopien.

Als Vorfilm lief „Downhill“ von Stelios Kammitsis. Eine kleine filmische Ballade über Sturrheit, Toleranz und Akzeptanz, die mit wenigen Bildern, nur zwei Personen und minimalem Dialog auskommt. Und zudem von einer  tiefgreifenden  Veränderung in der griechischen Gesellschaft erzählt.

Hellas1-3 (1)Am gestrigen Sonntag ist die Hellas-Roadshow in Köln angekommen mit einem Screening im Filmhaus im Museum Ludwig.  Helena Katsiavara und Jürgen Rompf von der POP (Politistiki Omada Protovoulias), die verantwortlich für die Organisation war, sowie die junge Schauspielerin Sandra von Ruffin (Leitung Filmbox Berlin) eröffneten die gut besuchte Nachmittagsveranstaltung. Im Anschluss standen alle drei für die anschließende interessante Frage- und Diskussionsrunde zur Verfügung. Doch nun zu den Filmen:  Gezeigt wurden „Der Junge der von Vogelfutter lebt“  von Ektora Lygizos und im Vorprogramm die beiden Kurzfilme, „Spaziergang“ von Stella Kyriakopoulou und „Dinner für einige Wenige“ von Nassos Vakalis.

„Der Junge, der von Vogelfutter lebt“ ist eine deprimierende Momentaufnahme aus dem Leben eines jungen Mannes, die dem Zuschauer keinerlei Distanz erlaubt. Die Wirklichkeit der Krise drängt Giorgos aus dem Leben, bevor er noch erwachsen werden kann. Sein Dasein ist geprägt von Hunger. Teilweise teilt er sich mit seinem einzigen Gefährten, einem kleinen Kanarienvogel, dessen Vogelfutter. Was immer er für sich zu essen findet, teilt er wiederum mit dem kleinen Vogel. Beide haben ein großes Talent gemeinsam, sie singen mit glockenklaren Stimmen. Das Lied, das Giorgos, wunderbar gespielt von Yiannis Papadopoulos, singt, ist aus der Matthäus Passion von Bach: „Gott erbarme dich meiner Tränen.“

Düster auch die beiden Kurzfilme. „Spaziergang“ dokumentiert einen Vormittag im Leben einer Mutter und ihrer etwa sechsjährigen Tochter, die das Überleben nicht mehr meistern können. Zumindest nicht zusammen. Ein „slice-of-life“ Film ganz in der realistischen Tradition der sozialkritischen Filme der 1970er Jahre. Schön das mal wieder zu sehen.

 Der Animationsfilm „Dinner für einige Wenige“ ist eine verstörend böse Einsicht in die Gegenwart und Aussicht in das, was da kommen könnte. Am Ende entschlüsselt es sich, dass auch die Vergangenheit beleuchtet wird. Ein außerordentlicher Kurzfilm, der sich einer reichhaltigen orwellschen Bildersprache bedient.

Alle Filme sind kennzeichnet durch die bemerkenswerte (Film-) Musik und die Sorgfalt, mit der sie eingesetzt wird.

Diese und weitere Filme der Hellas Roadshow laufen noch in Düsseldorf, Stuttgart und Nürnberg. Informationen zu entnehmen unter hellasfilmbox.de

Das andere GriechenlandNatalia Sakkatou wurde 1962 als Tochter griechischer Eltern in Leverkusen geboren, Studium der Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sowie Philosophie an der Universität zu Köln. Danach freiberuflich im Bereich Promotion, Distribution und Konzertmanagement.
Sie lebte mehrere Jahre in London und mit einigen Unterbrechungen insgesamt mehr als 13 Jahre in Griechenland. Im Juli 2011 kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie als freie Journalisten und Übersetzerin arbeitet. Sie veröffentlicht unter anderem in der Griechenlandzeitung und im STERN.

Ein weitere Artikel über unsere Veranstaltung mit dem Titel „Hellas FilmBox trifft ΠΟΠ“ finden Sie auf:
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