18. und 19. November 2011 „Das jüdische Thessaloniki“, Köln

„Was macht man mit Erinnerungen? Es mag hart klingen, aber man sammelt sie. “ (E.Wiesel)

„Das jüdische Thessaloniki“ ein Seminar mit Ausstellung, Konzertabend und Schülerprogramm

In der Kölner Partnerstadt Thessaloniki stellten die Juden lange Zeit die Mehrheit der Bevölkerung. Erst, als vor 99 Jahren nach dem Ersten Balkankrieg Saloniki vom Osmanischen Reich an das Königreich Griechenland abgetreten wurde, begann eine Trendwende, und durch Vertrei- bung, Flucht, staatlich gelenkten Bevölkerungs- Austausch und freiwillige Binnenwanderung verstärkte sich mehr und mehr der Anteil christlicher Griechen in der Stadt.

Doch blieben die Juden Thessalonikis weiterhin gesellschaftlich und kulturell prägend, bis unter der deutschen Besatzung im Jahr 1943 fast die gesamte jüdische Bevölkerung in die Vernichtungslager abtransportiert und ermordet wurde. Der jüdische Friedhof, der größte Europas, wurde dem Erdboden gleich gemacht, Grabsteine in Häusern verbaut, viele Gebäude jüdischen Lebens enteignet oder zerstört. Dieser Aspekt der Kölner Partnerstadt blieb lange unterbelichtet – in Griechenland wie in Deutschland.

Erst seit 1997 gibt es vor Ort ein jüdisches Museum und ein Mahnmal. Dennoch spielen Kollaboration, Antisemitismus damals wie heute oder jüdisches Leben insgesamt kaum eine Rolle in Griechenland. Auch in Deutschland wird geht der erinnerungspolitische Diskurs in Bezug auf die Besatzung Griechenlands gegen null, allenfalls prominente Entschädigungsklagen werden beachtet. Das „jüdische Thema“ wird erst Recht ausgeklammert.

Während Antisemitismus in Deutschland, da öffentlich geächtet, meist nur hinter vorgehaltener Hand oder verpackt in antiisraelischen Ressentiments geäußert wird, fehlt eine öffentliche Auseinandersetzung in Griechenland größtenteils. Von Kollaboration und Pogromen vor der Besatzung ist ebenso wenig die Rede, wie von antisemitischen Ressentiments innerhalb von Kreisen, die sich eigentlich internationalistisch gebärden.
Die Initiativgruppe Griechische Kultur (POP) hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, das jüdische Leben und den Holocaust an den Juden in Thes- saloniki bekannt zu machen.

Samstag, 19. November 2011, 19:30 Uhr
Sephardische Lieder aus Thessaloniki
Maria Thoidou und Kostas Raptis

Sephard heißt auf hebräisch Spanien. Sephardische Lieder sind jüdische Lieder in mittelalterlichem Spanisch. 1492, als die Juden vom christlich katholischen Königspaar Spaniens aus dem Land vertrieben wurden, verstreuten sie sich auf ganz Europa und wurden nach dem Namen ihrer Heimat benannt: Sephardi.
Die größte Gruppe der Sepharden hat offiziell Zuflucht im damaligen religiös toleranten Osmanischen Reich gefunden und sie ließ sich hauptsächlich in Thessaloniki nieder. Von hier aus haben sich die Sepharden im Laufe der Jahrhunderte in allen Städten im Balkan verteilt. Sie brachten aus Spanien ihre Kultur und ihre Lieder mit und konnte sie hier weiter entwickeln. Vor allem ihre Lieder sind bis heute Zeichen einer hohen Kultur des Alltags der jüdischen Gemeinden im östlichen Mittelmeerraum.
„Das kleine Jerusalem an der Ägäis“ nannten die Sepharden ihre neue Heimat Thessaloniki.

Leben und Shoah der Juden in Thessaloniki
Programm

Freitag, 18. November 2011
1. Orte des Lebens – Orte des Grauens

Schüler des griechischen Gymnasiums in Köln besichtigen das El-De-Haus. Führung in griechischer Sprache mit Yvonne Eckhardt sowie Besichtigung der Ausstellung im ehemaligen jüdischen Gymnasium Jawne.

Samstag, 19. November 2011
2. Leben und Shoah der Juden in Thessaloniki

Bernd Berg und Team, Jugendclub Courage
Bericht einer Reise ins jüdische Thessaloniki 2011.
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Eine erste Reise Interessierter fand im September 2011 nach Thessaloniki statt. Diese Erstkontaktmaßnahme beschäftigte sich mit der jüdischen Geschichte der Stadt, den Deportationen während der deutschen Besatzung und den Auseinandersetzungen um Antisemitismus heute. Sie wurde von der Stadt Köln im Rahmen des Städtepartnerschaftsprojekts Köln-Thessaloniki finanziert.

Dem vorausgegangen war eine intensive Beschäftigung mit der Geschichte Griechenlands im Zweiten Weltkrieg, den zahllosen Massakern in Dörfern, von denen Distomo nur das bekannteste ist, und den Deportationen der GriechInnen jüdischen Glaubens nach nach Auschwitz.

İlhan Yazgan – Ausstellungspräsentation
Postkarten aus Thessaloniki in der osmanischen Zeit mit jüdischen Motiven.

İlhami Yazgan hat über 800 Postkarten aus und über Saloniki in der Zeit bis 1917 gesammelt, um die Geschichte und das Thema der kulturellen und religiösen Vielfalt dieser Stadt zu dokumentieren und für unsere heutige multikulturelle und interreligiöse Gegenwart aufzubereiten.
Etwa 50 der Postkarten haben jüdische Motive. Diese wurden vergrößert während des Konzertes in der Alten Feuerwache ausgestellt.

Manuel Gogos
Saloniki – Mutter Israels
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sonnenblumen_der_judenNiki Eideneier
„Die Sonnenblumen der Juden“ – Das jüdische Thessaloniki in der Literatur
Die literarischen Texte werden in diesem Buch in drei großen Teilen präsentiert, die markante zeitliche Einschnitte im Leben der Juden in griechischen Groß- und Kleinstädten signalisieren: vor, während und nach dem Holocaust. Die Autoren beschreiben mal sehr ernst, mal mit einem gewissen Humor Situationen aus dem Alltag ihrer Figuren, immer im konkreten gesellschaftlichen Kontext eingebettet. Sie begleiten dann ihre Landsleute auf den Leidensweg und reflektieren, oft sehr kritisch, über die Auswirkungen des Holocaust. Die „eingestreuten“ Gedichte tragen zum Gesamtbild der griechisch-jüdischen Kultur und des Schicksals der Juden bei und runden das Buch ab.

Rena Molcho
Leben und Shoah der Juden in Saloniki im 20. Jahrhundert.

 

Eberhard Rondholz:
Der schwierige Umgang mit dem Holocaust in Saloniki

Diana Siebert und Eberhart Rondholz

Diskussion
Moderation: Diana Siebert, Historikerin
Ort: NS-Dokumentationszentrum, EL-DE-Haus, Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln

Flyer Thessaloniki 2011 als PDF hier: