Seemann oder Gastarbeiter in Deutschland

Ein kurzer Bericht von Nikos Thanos, unserem Vorsitzenden über sein Erleben während der Zeit der Militärjunta in Griechenland 1967 – 1974. Aus Anlass des 50. Jahretages des Putsches habe ich ihn gebeten, über seine Erfahrungen dieser Zeit zu berichten. Nikos Thanos kam 1971 nach Deutschland. (J.R.)

Junta in Griechenland, 21. April 1967

Eine begrenzte Zeit ohne demokratische Rechte – Eine Spaltung der Gesellschaft für sehr sehr lange Zeit.
von Nikos Thanos

vortrag_olymp_001a

Nikos Thanos, 1. Vorsitzeneder der ΠΟΠ

Die Diktatur in Griechenland begann für mich und meine Mitschülerinnen mit einem Jubelschrei:
Wir durften einen Tag früher in die Osterferien und hatten keine Ahnung, was es hieß: Die Armee hat die Regierung des Landes übernommen.
Hauptsache der Unterricht an diesem Freitag, 21. April 1967 fiel aus.

Als mich eine Woche später unser Dorfpolizist warnte, nicht allzu viel mit ‚Th.“ und ‚J.‘ zusammen zu hocken, wunderte ich mich, denn Politik war in unserer Clique der Ahnungslosen nie ein Thema.
Aber irgendwie fühlte ich mich unwohl.

Meine ersten Gedanken über die Bedeutung der Diktatur machte ich mir, als einige, mir sympathische Lehrer und Dozenten der Pädagogischen Hochschule, plötzlich verschwanden, versetzt wurden? Ich musste während des Studiums immer nebenher arbeiten, ums finanzielle Überleben kämpfen und war immer noch politisch zu unerfahren, um hartnäckig danach zu fragen, was aus denen geworden war.

Erst als mich die Militärpolizei wegen eines lächerlichen „Vergehens“ richtig vermöbelte, und ich herausfand, dass beim Wehrdienst wir als Soldaten „Meldepflicht kommunistischer Kameraden“ hatten, fing ich an, mich unwohl in diesem Land zu fühlen und raus zu wollen.
Raus aus GR! Ohne Geld kamen nur zwei Ziele in Frage: Seemann oder Gastarbeiter in Deutschland.
Als ich von der (damals zuständig für die Reisepässe!) Polizei meinen Reisepass abholte, mahnte mich der Dorfpolizist ausdrücklich vor Kontakten in Deutschland mit „subversiven Elementen“ mit Griechen, die keine Patrioten sind sondern Landesverräter, ja vor „Anti-Griechen“. Sie, die Polizei, erfährt alles, was die Landsleute im Ausland so treiben.
Ähnliches hörte ich auch vom Generalkonsul in Hannover, als ich meinen Reisepass dort vorlegte und mein Interesse bekundet habe, als ausgebildeter Lehrer, griechische Schüler in Hannovers Münden unterrichten zu wollen.

In Hann. Münden wohnet ich, (ich, bis dahin unbelastet und eigentlich politisch immer noch nicht interessiert bzw. aktiv) bei einem Verwandten, der sich dem Widerstand gegen die Diktatur angeschlossen hatte, an Demonstrationen gegen die Junta teilgenommen hatte.
Das Wohnen bei meinem demokratisch gesinnten Verwandten, war Grund genug, in eine Schublade geschoben zu werden. So lehnten mich die griechischen rechtskonservativen Eltern, bzw. die. Junta-Anhänger, als Lehrer für ihre Kinder ab, und wollten auf gar keinen Fall ihre Kinder zum Griechisch Unterricht schicken.

Aber auch die Kommunisten und Linken fanden einen Grund, sich ähnlich zu verhalten. Deren Argument klang andersrum:

Wenn er, Kind einer konservativen Familie, aus dem Land raus gelassen wurde, um hier zu arbeiten und eventuell Kinder zu unterrichten, dann ist er auch ein Agent der Junta. Zu ihm schicken wir unsere Kinder nicht.

Und so arbeitete ich 16 Monate lang nicht als Lehrer sondern als Fabrikarbeiter, besuchte 2,5 Jahre Griehenland nicht, und erst später arbeitete ich als Lehrer im Ruhrgebiet, Gewerkschafter, allmählich politisch erwachsen, sozial- gesellschaftlich aktiv. So bin ich gehobenen Hauptes durch die Diktaturzeit in Griechenland gegangen. Ein Held war ich definitiv nicht und so wunderte ich mich, als ich später von der sozialistischen Widerstandsorganisation PAK aus der später Papandreous- PASOK hervorging, immer wieder zu den Festen eingeladen wurde.

Und die Spaltung der Gesellschaft?

In meiner Generation und der noch älteren Menschen sind aus der Zeit noch viele Wunden offen und wurden nicht verarbeitet.

…und der Mensch, der mich denunzierte, hat niemals um Entschuldigung gebeten. Auch wenn es mir letztendlich nicht geschadet hat, kann ich nicht vergessen.
Wenn ich an Wuppertal vorbeifahre, denke ich an ihn und möchte ihm nicht begegnen. Wie gut, dass wir nicht in einem Dorf oder Stadtsteil als Nachbarn leben!