„Vergegenwärtigen – Aspekte der deutschen Besatzung Griechenlands im zweiten Weltkrieg“

Bericht von einer Tagung

am Samstag, den 18. September 2010, Griechische Gemeinde, Köln

Aspekte_der_deutschen_Besatzung_2010__09Die Tagung der ΠΟΠ: „Vergegenwärtigen – Aspekte der deutschen Besatzung Griechenlands im zweiten Weltkrieg“ am 25. September in der Griechischen Gemeinde Köln hat eines gezeigt: Es ist möglich, auch mit wenigen Teilnehmern eine qualitativ hervorragende Veranstaltung zu machen.
Dies lag nicht zuletzt an unseren Dozentinnen, die wir eingeladen hatten. Zunächst Frau Annette Windgasse aus Wuppertal, die mit der ihr wohl eigenen Zugewandtheit zu den Menschen auf Kreta die deutsche Besatzungszeit auf Kreta beleuchtete und zunächst auf die sogenannte „Schlacht von Kreta“ und der Rache ander Zivilbevölkerung einging.
Unterstützt von einer Dokumentenpräsentation und eines Vorlesers, der die kurzen Kommentare des Fotografen las, zeigte sie Fotos von der Erschießung von Zivilisten in Kondomari Danach ging sie auf den kretischen Widerstand und die Zusammenarbeit mit dem britschen Geheimdienst bis zur legendären Entführung von General Kreipe ein.
Ebenso erinnerte sie an das Schicksal der Juden von Kreta und deren Vertreibung: 265 Männer Frauen und Kinder, die auf einem Schiff auf dem Weg in die deutschen Vernichtungslager waren, als es am 10. Juni 1944 von einem britschen U-Boot versenkt wurde. Keiner der 265 Juden überlebte den Untergang des Schiffes, auch keiner der rund 600 griechischen und italienischen Kriegsgefangenen, die ebenfalls an Bord waren.
Sophia Georgallidis las einen Augenzeugenbericht der Deportation der Juden von Kreta, den die damals 15 jährige Katina Singelakis verfasst hatte. Zum Schluss ihres Vortrages berichtete Annette Windgasse von den antisemitischen Anschlägen auf die in 90er Jahren renovierte Synagoge und bat um Spenden für den Wiederaufbau der Bibliothek.
Nach einer Pause übernahm Frau Dr. Diana Siebert das Wort. Sie hatte sich mit der Jüdischen Gemeinde von Korfu beschäftigt und ging auf die venezianische Geschichte Korfus ebenso ein wie auf die Besonderheiten der italienischen und deutschen Besatzungszonen und, ebenfalls von einer Präsentation unterstützt. zeigte sie historische Fotos von Korfu.
Besonders beschäftigte Frau Diana Siebert die Frage, weshalb die korfischen Juden nicht flüchteten, um der drohenden Deportation zu entgehen. Aber auch damit, weshalb die deutschen Besatzer trotz der knappen Transportkapazitäten und widersprüchlichen Befehlslage noch im Sommer 1944 den Transport der jüdischen Gemeinde Korfus nach Auschwitz und damit dessen Vernichtung vollzogen.
Frau Dr. Kerstin Muth unternahm es schließlich, von ihrer Suche nach den Kindern deutscher Wehrmachtssoldaten in Griechenland zu berichten. Es waren die Geschichten von traumatisierten Männern und Frauen, die versuchten, mit dem Schicksal fertig zu werden, dass ihr Vater ein Angehöriger der deutschen Wehrmacht gewesen war. Beschimpfungen Scham und Ausgrenzung bis zum verweigerten Namenseintrag in die Kirchenregister waren ebenso die Folge wie eine lebenslange Suche nach der eigenen Identität, manchmal auch nach den Vätern und Halbgeschwistern in Deutschland.Es waren herbe Tatsachen, über die gesprochen wurde, aber vielleicht machte dies auch die Intensivität der Tagung aus. Die abschließende Diskussion mit den drei Dozentinnen unter der Diskussionsleitung von Sophia Georgallidis fand in einer spürbar entspannten Atmosphäre statt und zeigte, dass die Tagung ihr Ziel erreicht hatte. Sie hatte Geschichte vergegenwärtigt, verschiedene Aspekte aufgezeigt und schließlich bei allen Beteiligten, den Referentinnen und den Teilnehmern, Neugier geweckt.
Sicherlich hätten wir uns für die Veranstaltung mehr Teilnehmer gewünscht. Auch aus finanziellen Gründen, denn die Veranstaltung wurde von keiner Stelle wegen der Kürzung der Mittel bezuschusst oder unterstützt.
Für das kommende Jahr plant die ΠΟΠ eine Veranstaltung mit Christoph U. Schminck-Gustavus, dem Autor des Buches: „Winter in Griechenland“, zum gleichen Thema.
Aspekte_der_deutschen_Besatzung_2010__05Zu danken bleibt der Griechischen Gemeinde, die uns die Räume zur Verfügung stellte, allen Beteiligten, die zum Ablauf der Tagung beigetragen haben und besonders Frau Maritta Schliwa und Erdal Sahin, die den Büchertisch zum Thema betreut haben.
J.R.

 


Tagungsprogramm ab 14:30 Uhr bis 20:00 Uhr

15:00 Uhr –15:15 Uhr:
Begrüßung: Niki Eideneier für die ΠΟΠ
und eine kurze Einführung zum Thema von Jürgen Rompf

15:15 Uhr –16:45 Uhr:
Frau Annette Windgasse
„Die Besatzung hat uns nicht gebeugt“ – Geschichte und Ge-
schichten der deutschen Besatzungszeit auf Kreta 1941 – 1945.
An welche Ereignisse denken Griechen, wenn sie Entschädigungen
für die Verluste während der Besatzungszeit anmahnen? Die
Schlacht um Kreta ist hierzulande noch bekannt – und wird oft
unerträglich glorifiziert. Von den Härten des Lebens unter der
deutschen Besatzung, von ‚Sühneaktionen’, Zwangsarbeit und
Geiselerschießungen und vom Widerstand der kretischen Bevölke-
rung wissen nur wenige.
In fast jedem kretischen Dorf erinnert ein Denkmal an die Opfer.
Einige der Geschichten und Erlebnisse, an die sie erinnern, schil-
dert Annette Windgasse. Sie ist Verantwortliche für ein Internet-
projekt http://www.kreta-wiki.de, das dieses Thema im deutsch-
sprachigen Raum nicht in Vergessenheit geraten lassen will.

16:45 – 17:15 Uhr:
Pause

17:15 – 17:45 Uhr:
Frau Dr. Diana Siebert
„Leben und Schicksal der Juden auf Korfu.“
Eine Besonderheit der nordwestlichsten griechischen Insel Grie-
chenlands war, dass es hier jüdische Gemeinden von über zwei-
tausend Menschen gegeben hat. Die allermeisten von ihnen ka-
men nach der Deportation im Juni 1944 im Vernichtungslager
Auschwitz um. Warum wird so wenig daran erinnert?
17:45 Uhr – 18: Uhr

Pause

18:00 Uhr – 18:45 Uhr:
Frau Dr. Kerstin Muth
„Die Wehrmacht in Griechenland – und ihre Kinder.“
In Griechenland weiß man wenig über die Lebensgeschichten von
Wehrmachtskindern – auch heute noch ein Tabu. Die meisten
„Deutschenkinder“ ihrerseits schweigen. Doch mit zunehmendem
Alter, mit mehr Zeit, Ruhe und Abstand bricht sich oft lange Ver-
drängtes wieder Bahn ins Bewusstsein. Dann kann Reden befreien
und mit dem eigenen Schicksal versöhnen.
Auf der Grundlage von Interviews mit Kindern deutscher Soldaten
in Griechenland wird deren biographischer Alltag betrachtet; ein-
gebettet in die jeweiligen historischen Umstände, werden Fragen
neu gestellt und Antworten gesucht.

ab 19:00 Uhr:
Diskussion

Fotos: Sophia Georgallidis unf Jürgen Rompf

 

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