Elena Pallantza und Thalia Andronis

Im Rahmen der Ausstellung

WUT – ENTTÄUSCHUNG – HOFFNUNG
Bilder aus Athen

vom 9. Juni bis 29. Juni 2013
K.T. Blumberg ·Dieter Seitz

In Zusammenarbeit mit: Galerie Ruhnke, Galerie für zeitgenössische moderne Kunst, Berlin, im Kunsthaus Rhenania, Köln

Lesung am Samstag, 22. Juni 2013
mit Elena Pallantza und Thalia Andronis Moderation Sophia Georgallidis, Alexios Mainas


Elena PallantzaElena Pallantza,
geboren 1969 in Athen , hat griechische Philologie und interkulturelle Pädagogik in Athen, Frei- burg und Köln studiert und lebt seit 2003 in Bonn, wo sie Neugriechische Sprache und Kultur an der Universität unterrichtet.
Sie ist Korrespondentin der griechischen Literaturzeit- schrift DIABAZO und Übersetzerin. Sie schreibt Prosa, vor allem Kurzgeschichten in griechischer Sprache. Ihre prämierte Erzählung ›Zacharias‹ ist in »Anthologie griechischer Kurzge- schichten – Antonis Samarakis« erschienen (Vlg. Kastaniotis/ Athen, 2009).
Beim Größenwahn Verlag Frankfurt am Main ist ihre Kurzgeschichte ›SPUREN IM SCHNEE‹ in der Anthologie ›Bewegt‹ erschienen. Der sozialkritische Beitrag von Elena Pallantza zitiert die nackte Wahrheit einer Familie und vor allem die Angst des Zusammenbruches.
„Kostas, ich bring dich um. Kósta, tha se skotósso.
Ihre Stimme klang wie eine dunkle Trommel in der nächtlichen Stille. Er hatte es ganz sicher gehört, es war keine Einbildung. Für einen Augenblick hatte er ge-glaubt zu träumen. Doch in dem Traum, den er träumte, kam Vicky gar nicht vor. Es war ein abenteuerlicher Traum. Zufällig wurde er auch dort gerade bedroht, über Kontinente hinweg verfolgte man ihn. Die Verfolgungsjagd hatte in Deutsch-land begonnen und setzte sich in Istanbul fort. Er versteckte sich in Häusern von Freunden, in Schuppen und unterirdischen Garagen. Auf einer Party mit reichlich Drogen und langhaarigen Mädchen wurde er von dunkelhäutigen Männern mit zusammengewachsenen Augenbrauen eindringlich gemustert, was ihn vermuten ließ, dass er von PKK-Männern verfolgt wurde.
Eines der Mädchen nähert sich ihm, orangefarbener Longdrink, Haut wie Schoko-Hasel-nuss, ›das ist be-stimmt ein Köder‹, er stößt das Mädchen von sich, springt aus einem Fenster in den Innenhof, dort kickt ein Junge einen Ball vor sich hin, ›warum trägt der so eine altmodische Schiebermütze?‹, der Ball trifft ihn direkt in den Bauch, er sieht eine Strickleiter, steigt auf die Dachterrasse hoch – und dann war er wohl im spannendsten Moment aufgewacht und hörte es, ganz deutlich, ganz nah an seinem Ohr: »Kostas, ich bring dich um«.
Zuerst brauchte er eine Weile, um sich klarzumachen, wessen Stimme das war. Genauer gesagt, um sich einzugestehen, wessen Stimme es war…“
Auszug aus der Anthologie ›Bewegt‹
Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, Oktober 2010,
ISBN: 978-3-942223-02-7


Über die Lesung
von Jürgen Rompf
Elena Pallantza präsentierte neue griechische veröffentlichte, bisher unver- öffentlichte oder nur im Internet veröffentlichte Lyrik von 37 jungen griechischen Dichtern. Sie tat diese auf eine ungewöhnliche Art und Weise, indem sie die Gedichte nach ihrer Einleitung, wie Flugblätter verteilen lies.
„Als mir vor einigen Wochen Nikos Thanos von der Fotoausstellung über Athen erzählte und mich fragte, ob ich einen kleinen Beitrag leisten will, kam mir die Idee, diese Fotografien, die ich noch nicht kannte, aber ungefähr ahnte, mit Texten zu begleiten, die ‚tausend Worte‘, die „ein Bild sagt“, zusammeln.“
Und da ich wusste, dass es sich um Bilder aus den Straßen Athens handelte, und das Erste was man damit assoziiert, ist eine nach außen getragene, kollektive Empörung, sah ich in meiner Fantasie diese Worte auf Flugblättern – in einer fiktiven Demonstration gegen all das, was seit den letzten drei Jahren in Griechenland geschieht.“
(Elena Pallantza, aus ihrer Einführung zu den gesammelten Gedichten)

Die Gedichte wurden erwartungsvoll von den Teilnehmern aufgenommen und es kam aus dem Publikum heraus zu einer kleinen Spontanlesung. Alexios Mainas und Nikos Thanos verteilen Gedichte im Publikum. Die Situation erinnerte mehr an ein Happening, als an eine Lesung im traditionellen Sinne.

Verbunden war sie mit der Aufforderung von Elena Pallantza den über 200 Menschen in Griechenland „zwischen 25 und 45, die heutzutage ernsthaft Lyrik schreiben … unsere Aufmerksamkeit zu widmen.(…) Ihre aktive Präsenz macht sich nicht nur in den zahlreichen Veröffentlichungen von Gedichtsammlungen spürbar – gegen alle denkbaren, in den Zeiten der Finanzkrise verstärkten Schwierigkeiten, die unbeschönigt Ausbeutung genannt werden können.“

Stamatis Polenakis

ASSISI

Nichts hilft mehr, armer Franz,
weder Mitleid noch Liebe sind genug
für uns alle, die wir noch leben an den Ufern
der Flüsse, die wir uns für immer ernähren werden
von dem verseuchten Brot der Union Carbide.
Deine Welt ist noch ferner
als die Sterne, Armer Gottes.
Wir hier versinken langsam, zusammen
mit unseren Kindern und unseren faulenden Kühen
in den schwarzen Wassern des Ganges.
Übersetzung: Andreas Gamst – Elena Pallantza

Σταμάτης Πολενάκης
ΑΣΣΙΖΗ

Τίποτα δεν ωφελεί πλέον, φτωχέ Φραγκίσκε,
ούτε η συμπόνια ούτε η αγάπη είναι αρκετά
για όλους εμάς που ζούμε ακόμα στις όχθες
των ποταμών, που θα τρεφόμαστε για πάντα
με το μολυσμένο ψωμί της Union Carbide.
Ο κόσμος σου είναι πιο μακρινός
και από τ’ αστέρια φτωχέ του Θεού.
Εμείς εδώ βυθιζόμαστε αργά μαζί με
τα παιδιά και τις σάπιες αγελάδες μας
στα μαύρα νερά του Γάγγη.

Eindrucksvoll dann auch der zweite Teil des Abends, die Lesung von Thalia Andronis, die aus ihrem Buch „Mira Mare“ vorlas und das Publikum in ihren Bann zog. Sie führte die Zuhörer mit ihrer expressiven, autobiografischen Erzählung auf die Spuren zwischen „Fluss und Meer, deutsch und griechisch, hellsichtig und verwirrt, kindlich und erwachsen, schwer und leicht. Während Sie las herrschte eine Stille, die sich mit den Fotos der Ausstellung verband.

(J.R.)


thaliaThalia Andronis,
geboren 1966 in Münster als Tochter eines Griechen und einer Deutschen, verbrachte ihre Kindheit zunächst in Griechenland, dann in Deutschland. Sie studierte in Münster Soziologie, Ethnologie und Politikwissen- schaft. Seit 2004 freie Lektorin/Korrektorin im Fach- Sachbuchbereich.Seit 1995 lebt sie in Köln.
Publikation: ›Mira-Mare‹ prosa-lyrische Erzählung (2001). (Mehr Informationen unter www.mira-mare.de)
Beim Größenwahn Verlag Frankfurt am Main ist ihre Kurzgeschichte ›ISLAND‹ in der Anthologie ›Bewegt‹ erschienen.
Thalia Andronis beschreibt in ihrem surrealen Beitrag, wie Island in den Schoß eines zwölf jährigen Mädchen fällt:

Ich war noch ein kleines Mädchen, als mir Island in den Schoß fiel. Flupp. Einfach so. Floss durch mein Hirn in die Finger auf ein liniertes Blatt Papier, floss mit der Tinte aus einem zerkauten Füllfederhalter in die Form meiner krakeligen Kinderschrift.
Gut, sagte die Tante, der ich die Schmierblätter zur Korrektur vorlegte. Gut, sagte sie kühl und ohne ein bisschen Vergnügen über den phantastischen Islandausflug, den ich in meinem Aufsatz beschrieb. Sie begriff nicht, dass mir Island in den Schoß gefallen war, einfach so. Sie begriff nicht, dass ich etwas wusste, was ich nicht hätte wissen sollen…
Auszug aus der Anthologie ›Bewegt‹
Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, Oktober 2010,
ISBN:978-3-942223-02-7


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