Rede von Jannis Boutáris, Oberbürgermeister von Thessaloniki.

Rede von Jannis Boutáris, Oberbürgermeister von Thessaloniki. Gehalten wurde diese Rede am Gedenktag an den Holocaust, am 28. Januar 2018, aus Anlass der Grundsteinlegung des Neuen Jüdischen Museums in Thessaloniki.

Jannis Boutáris, Oberbürgermeister von Thessaloniki, setzte mit einer Rede Ende Januar in Thessaloniki einen Meilenstein. Deutlich wie noch nie jemand zuvor brandmarkte er die Indifferenz des griechischen Staates und vieler Bürger Thessalonikis gegenüber dem Schicksal der jüdischen Gemeinde der nordgriechischen Metropole. Das „Jerusalem des Balkans“ war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, seine Bewohner zum größten Teil in den deutschen Konzentrationslagern ums Leben gekommen. Boutáris engagiert sich seit Jahren dafür, alle Facetten der Geschichte der Stadt zur Sprache zu bringen. Die Rede, in der Übersetzung von Hans Eideneier, wurde am Mittwoch, 7. März 2018 in der GRIECHENLAND ZEITUNG veröffentlicht! Die Rede auf Griechisch finden sie hier auf der offiziellen Webseite der Stadt Thessaloniki.

Jannis Boutaris am 28. Januar 2018, während seiner Rede aus Anlass der Grundsteinlegung des Neuen Jüdischen Museums in Thessaloniki.


Im Sommer 1945 trat Buena Sarfatí einmal vor die Tür ihres Hauses. Eine Jüdin mit dreißig Jahren, eine Salonikianerin von Großvater zu Großvater, war Buena vor kurzem nach Thessaloniki zurückgekehrt aus den Bergen, wohin sie geflohen war, anfangs zu den Kampfverbänden der EDES (Nationale Republikanische Liga), später zur EAM (Nationale Volksbefreiungsfront) und zuletzt auf der Flucht nach Palästina. Ihr Bruder Eliaou, ihre Schwester Regina, ihre hundertjährige Großmutter Miriam und ihre Tanten hatten nicht das gleiche Glück. Aus dem Wagon des Zuges, der sie nach Auschwitz-Birkenau bringen sollte, sahen sie die Stadt, die man das „Jerusalem des Balkans“ nannte, an jenem Tag im Frühjahr 1943 zum letzten Mal. Wenige Stunden nach ihrer Ankunft wurden sie zusammen mit weiteren tausend Glaubensgenossen in die Krematorien gebracht. Ihr Leben und mit ihnen das Leben des jüdischen Thessaloniki, unseres Thessaloniki, war zur Asche geworden, die über die unwirtlichen Gefilde Polens verstreut wurde.

Nur wenige Juden Salonikis überlebten den Holocaust
Waren die Angehörigen Buenas „Märtyrer“? Ehren wir sie so, wenn wir ihrer gedenken? Der heutige „Tag des Gedenkens an die jüdischen Märtyrer und Helden des Holocaust“ fordert uns heraus, um diese Fragen zu stellen. Die Angehörigen Buenas haben, genauso wie die übrigen Juden Europas, nicht selbst den Märtyrertod gewählt. Das heißt, sie haben nicht selbst entschieden, bewusst ihr Leben zu opfern für ein höheres Ideal, ihren religiösen Glauben oder ihre Ideologie. Sie haben nicht selbst den Tod gewählt aus dem einfachen Grund, weil sie nicht einmal das Recht hatten, eine solche Entscheidung zu treffen. Und deshalb ist es nicht angebracht, sie heute als Heilige einzuschätzen, wir alle, Christen und Europäer, die wir über Jahrhunderte hinweg sie oft für Teufel hielten. Das waren Menschen, und das wollten sie sein. Einige wie Buena sind davongekommen. Gerade mal tausend Juden aus Thessaloniki von den 45 Tausend und mehr. Sie entkamen der Deportation, Auschwitz, dem Todesmarsch, den Arbeitslagern. Sie sind davongekommen, weil sie die unsagbare Gewalt, die Hinrichtungen, die medizinischen Versuche, die Vergewaltigungen überstanden. Und nachdem sie dem entkommen waren, kehrten sie in die Stadt zurück, in der sie geboren worden waren. Als Helden? Im Gegenteil.

Neuanfang in Thessaloniki und unerträglicher Schmerz
Juden, die sich in die Berge abgesetzt, die sich in den Städten versteckt hatten oder nach Palästina geflohen waren, betrachteten die, die den Konzentrationslagern entkommen waren, als Verräter, als Kollaborateure der Deutschen, die Frauen als Prostituierte. Die Christen wiederum sahen in den Überlebenden „unbenutzte Stücke Seife“, wie ein amerikanischer Journalist anmerkte, eine Drohung aus einer Vergangenheit, die nicht verschwinden wollte. Helden waren für die Zeitung Ellinikós Vorrás – Griechischer Norden – nur die fünf jungen Juden, die nach ihrem Einsatz an der Albanischen Front die Krematorien überlebt hatten und im Oktober 1948 heldenhaft in der Region rund um das Grámmos-Massiv in den Schlachten mit den Banditen (Symmorites[1]) ihr Leben lassen mussten.“

[1] So wurden im griechischen Bürgerkrieg (1944-49) die linken Partisanen von den rechten EDES – Leuten genannt.

Schwierige Vergangenheit: unsichtbar, aber präsent
Dieses Stück Papier ist Buenas Vergangenheit, aber auch die Vergangenheit unserer Stadt: Eine Vergangenheit, die uns verfolgt und uns heimsucht. Es ist eine schweigende Vergangenheit, unsichtbar, aber präsent. Es ist die mit Marmor ausgelegte Eingangshalle der Kirche des Heiligen Dimitrios, verlegt aus hunderten von Grabplatten des von Deutschen und von griechischen Angestellten der Stadt zerstörten jüdischen Friedhofs, Material, als „wertlos“ eingestuft vom Archäologen Stylianós Pelekanídis, der jenen Bau beaufsichtigte. Es sind die Gebäude des Krankenhauses ACHEPA (American Hellenic Educational Progressive Association) und der Aristoteles Universität, die auf einem der bedeutendsten Grabstätten Europas erbaut wurden. Es sind die jüdischen Grabplatten, die vor dem Hauptquartier der Heeresleitung und rund um das Königliche Theater verlegt wurden, oder jene, die die Kommune von Thessaloniki im November 1948 zum Bau von Straßen und Gehwegen benutzte, entgegen allen heftigen Protesten der jüdischen Gemeinde. Es sind jene Grabplatten, die man zur öffentlichen Besichtigung noch bis zum Dezember 1948 vor dem Weißen Turm und im Park des Geländes der Internationalen Messe aufgehäuft hatte. Es ist die silberne Handtasche, ein Erbstück, das Buena Sarfati 1946 zu ihrer Überraschung sehen musste, wie eine Freundin, eine Christin, sie modebewusst an ihrer Hand trug. Es ist der Teppich, den eine andere dem Verderben entronnene Jüdin zu ihrer Überraschung in einer Wohnung einer befreundeten christlichen Familie wiederentdeckte. Es ist das Buch, das vor gerade mal zehn Jahren sich in einer Bibliothek der Karitativen Bruderschaft der Männer von Thessaloniki befand und an das Jüdische Museum zurückgegeben wurde, eine Tat, die der Bruderschaft zur Ehre gereicht.

Trost und Ermutigung: Das Schweigen in Rede wandeln
Wer hat 1945 die verschwundenen Nachbarn beklagt? Welche Mahnmale wurden errichtet? Welche Gedenkfeiern haben stattgefunden? Allein die Jüdische Gemeinde, auf sich gestellt und im elenden Zustand, rang um die Wiederherstellung ihrer Existenz und beweinte die Toten. Die Stadt, die Gesellschaft, das ganze Land, zeigten kein Interesse. Sie versteckten sich hinter ihrer Hand. Taten so, als ob sie nicht wüssten, was geschehen sei, wer Beihilfe geleistet habe, wer Schutz gewährte, als viele andere niederrissen, Feuer legten, brandschatzten, die Räume und das Hab und Gut der Abwesenden und der verschwindend wenigen Anwesenden in Besitz nahmen. Die Wehklage war im übrigen nur vereinzelt. Es mussten ungefähr zwanzig Jahre vergehen, bis wir im Jahre 1962 ein Denkmal für die Opfer errichteten. Wo? Im neuen Jüdischen Friedhof, so als ob diese Fakten nur die Verwandten und Mitglieder der Jüdischen Gemeinde der Stadt beträfen.

Das Holocaustdenkmal auf dem Freiheitsplatz von Thesssalonki 2018. Herzlichen Dank an Aristides Hatzis aus Thessaloniki für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Und als 35 Jahre später endlich ein Denkmal an einer öffentlichen Stelle geschaffen wurde, wurde dies an einen unscheinbaren Platz an die Peripherie des Stadtzentrums verbannt. Und als dieses Denkmal schließlich an eine angemessene Stelle, den Platz der Freiheit geschafft wurde, sorgte es eher für Überraschung als für Genugtuung. Es musste das Jahr 2004 kommen, bis das Griechische Parlament einstimmig den Gedenktag beschloss. Und es musste 2011 werden, bis ein entsprechender Gedenktag für unsere Stadt eingeführt wurde und im Jahre 2014 die Aristoteles Universität von Thessaloniki ein Denkmal errichten ließ, um an die Zerstörung des Friedhofs zu erinnern. Und vielleicht ist der Tag gar nicht mehr so weit weg, wo wir eine entsprechende Gedenktafel im Innenhof der Kirche des Heiligen Dimitrios sehen werden, am „Heiligen Dimitrios der toten Juden“, dem tatsächlichen jüdischen Mausoleum von Thessaloniki.

In der Stadt Thessaloniki als Kommune verstärkt sich immer mehr das Bewusstsein für die historische Last, die die Stadt zu tragen aufgerufen ist. Jetzt wo die Überlebenden uns allmählich verlassen und der Staffelstab des Gedenkens immer mehr von uns zu übernehmen ist, hat sich die Kommune zum Ziel gesetzt, fortzufahren, das Schweigen in Rede zu wandeln, in eine Rede zum Trost, aber auch eine Rede zur Ermutigung. Wir drücken damit den Willen aus, mit der Neugestaltung des Freiheitsplatzes und mit dem Holocaust-Museum eine Achse des Gedenkens der Stadt zu schaffen, den Ausgangspunkt und das Ende der langen multikulturellen, islamischen und jüdischen Wegstrecke von Thessaloniki.

Das schwerste Glied einer Kette von Gewalt
Der Freiheitsplatz ist eine Stätte der Demokratie. Im Jahre 1908 feierten alle Salonikianer, Muslime, Christen und Juden, zusammen die Proklamation der Osmanischen Verfassung. Zugleich ist er eine Stätte sowohl der Entwurzelung als auch der Zuflucht, die Stelle, von der die alten Bewohner von Thessaloniki muslimischen Glaubens in den Jahren 1922 – 1923 aufgebrochen waren und wo die neuen Bewohner, Flüchtlinge aus Kleinasien und der Schwarzmeerküste an Land gegangen waren. Und er ist schließlich eben auch der Ort der Leiden, der öffentlichen Erniedrigung der Juden von Thessaloniki, wo am „Schwarzen Samstag“ des 9. Juli 1943 die Deutschen vor den Augen vieler christlicher Griechen 9000 männliche Juden an den Pranger gestellt hatten.

„Griechenland: In Übereinstimmung zwischen den deutschen und griechischen Stellen werden jetzt die Juden in Griechenland erfasst und einer nutzbringenden Arbeit zugeführt.“  (Quelle: Wikipedia)

Dieser Platz ist ein schwieriger Ort. Er erinnert uns daran, dass der Holocaust in Thessaloniki von der langen Kette der Gewalt und Versklavung das schwerste Glied ist. Er erinnert uns daran, dass die Juden dieser Stadt ein organisches Teilstück eines vielfarbenen Mosaiks, dass das „Jerusalem des Balkans“ zugleich auch das „Babel des Mittelmeers“ war. Wir drücken hier unseren Willen aus, dass dieser Platz der Freiheit ein Zeichen dafür sei, dass die schwierigen und traumatischen Erinnerungen all ihrer Bewohner nicht im gegenseitigen Wettstreit liegen, sondern im Gegenteil harmonisch zusammenwirken: In einem lebhaften Dialog werden sie eine Kultur des Miteinanders und der gegenseitigen Hochachtung fördern, so dass das schwere Erbe der Vergangenheit in ein Sprungbrett für eine bessere Zukunft verwandelt wird. Der neue Platz der Freiheit wird den Stolz aller Salonikianer auf ihre Stadt symbolisch zum Ausdruck bringen, den Stolz auf ihre Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft.

Das Holocaust Museum: Eine Bringeschuld der Stadt
Ein paar hundert Meter weiter wird das Holocaust Museum ein Symbol darstellen für unsere Scham. Dafür was geschehen ist, was wir dabei bewirkten, und vor allem dafür, was wir nicht bewirken konnten oder wollten, Einheimische und Flüchtlinge, Rechte und Linke während des Krieges und danach. Das Museum ist eine Bringschuld der Stadt, aber auch ein persönlicher Wetteinsatz meiner Person. Es ist Bringschuld für die Juden als Einheimische, als Griechen und Sepharden. Das Museum wirkt weit über die Stadt und Griechenland hinaus, und Thessaloniki gewinnt damit wieder den Titel „Hauptstadt der Sephardischen Juden des Mittelmeerraums.“ Es macht sich zur Aufgabe, die unbekannte Geschichte des Holocaust an den Juden des Mittelmeerraums und des Balkans zu bezeugen, der Sepharden von Thessaloniki und von Korfu, von Chania und von Patras, aber auch der von Belgrad, Skopje, Monastir, Sarajevo, Triest und Livorno. Es trägt sich mit der Hoffnung, das ausgerissene Blatt von Buena Sarfati in das historische Bewusstsein zu führen; eine Falte des Holocaust aufzuzeigen, die wegen der Fokussierung auf Mittel- und Osteuropa oft übersehen wird, und auf diese Weise Thessaloniki zu einem Ort der Erinnerung, aber auch zu einem Zentrum zu machen für die Forschung und Wissenschaft von internationaler Ausstrahlung. Und es trägt sich letztendlich in der Hoffnung, ein Ort zu sein, wo die Bürger der Welt und besonders die Jugend Kenntnis erhalten davon, was geschieht, wenn die Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Späte Betonung der Geschichte und des Gedenkens
Viele fragen uns nach dem Warum. Warum diese späte Betonung der Geschichte und des Gedenkens an die Juden von Thessaloniki? Die Schändung des Holocaustmahnmals gerade erst am vergangenen Sonntag und die Brandlegung an der historischen Wohnstätte einer jüdischen und einer muslimischen Salonikianerin, genügen wohl als Antwort. Und dennoch: Persönlich würde ich lieber mit den Worten von Primo Levi antworten: „Hier gibt es kein Warum“. So antwortete ihm ein deutscher Wachmann kurz nach dessen Ankunft in Auschwitz. „Hier gibt es kein Warum“ könnte auch ich zur Antwort geben denen, die sich über mein Beharren wundern. Der Holocaust der Juden von Europa, der Holocaust unserer Juden hier, stößt an die Grenzen jeder Vernunft. Und die einzige Möglichkeit, uns damit zu messen und uns damit auseinanderzusetzen ist, zu akzeptieren, dass dies auch ein Teil unserer eigenen Existenz ist, als Salonikianer, Griechen und Europäer: ein ausgerissenes Blatt, geschrieben in einer für uns unverständlichen Schrift, eine Wahrheit, die immer auf ihre Entzifferung wartet.

Übersetzung aus dem Neugriechischen: Hans Eideneier


Jannis Boutáris,, 2012 Im Rathaus von Köln.

Jannis Boutáris
War zweimal Stadtrat von Thessaloniki. Er leitete die „Initiative für Thessaloniki“ Er wurde im November 2010 und im Mai 2014 zum Bürgermeister von Thessaloniki gewählt.

Erst mit ihm als Bürgermeister hat Thessaloniki begonnen, sich seiner jüdischen Vergangenheit zu erinnern. 

Im Rahmen der Städtepartnerschaft Köln – Thessaloniki, ist er mehrmals in Köln gewesen.2017 empfing er die Tanzgruppe Melos von Nikos Thanos, als „Sonderbotschafter“ der Stadt Köln und der ΠΟΠ, im Rathaus von Thessaloniki.

 


Hans Eideneier 2016

Hans Eideneier
Studium der Klassischen Philologie, Byzantinistik, Geschichte, Vergleichende Sprachwissenschaft an den Universitäten Tübingen, Hamburg, Thessaloniki und München.
Ab 1969 Lektor für Neugriechisch an der Universität zu Köln. 1974 Habilitation und 1975 Professor für Mittel- und Neugriechische Philologie an derselben Universität. 1994-2002 Professor für Byzantinistik und Neugriechische Philologie an der Universität Hamburg. 2005 Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der Aristoteles Universität Thessaloniki und 2017 der Demokritus Universität Thrakien. Hans Eideneier war Gründungsmitglied der ΠΟΠ (POP) und zudem von 1983 bis 2008 ihr Vorsitzender.