Vom Philhellenismus zur Griechenfreundschaft, von Hans Eideneier, Köln

Rede, gehalten am 22.4.2016 in Dortmund, zum Jubiläum des 50jährigen Bestehens
der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Dortmund. Erschienen in der HELLENIKA, Neue Folge Heft 11 2016.
Hier die von Hans Eideneier leicht überarbeiteten Fassung.

 

Festvortrag für die Deutsch-Griechische Gesellschaft Dortmund zum 50jährigen bestehen
von Hans Eideneier, Köln

Es ist vielleicht ungewöhnlich, eine solche Festansprache unter ein bestimmtes Thema zu stellen. Als ich mir aber jene fünfzig Jahre seit der Gründung der DGG Dortmund, die ich ja auch selbst erleben durfte, Revue passieren ließ, lag es nahe, jene Entwicklung von der Begeisterung für das antike Erbe zu einer Hinwendung zum real existierenden Griechen in Deutschland aufzuzeigen. Damit verbunden war und ist natürlich zugleich ein Wechsel der anzusprechenden Mitglieder, denn nicht alle alten Philhellenen sind zu modernen Griechenfreunden geworden, und nicht alle zeitgenössischen Griechenfreunde sind an jenem antiken Erbe interessiert.
Das heutige fünfzigjährige Jubiläum zum Bestehen der DGG Dortmund fällt in eine Zeit, wo wir mit dem Ruf nach Integration von Flüchtlingen bereits allergische Anwandlungen verzeichnen. Dabei ist es doch sternenklar – fos fanari – ein Licht so stark wie ein Leuchtturm, sagen die Griechen – es ist doch fos fanari, dass eine solche Integration nur gelingen kann, wenn der Neuankömmling von seiner gewohnten Lebenskultur nicht komplett abgeschnitten wird und sich in einer für ihn fremden Kultur als einzigem geistigen Hintergrund zurechtfinden soll. Der Fremde muss sich in irgendeiner Weise auch selbst einbringen können, von dem, was ihm wichtig erscheint, erzählen dürfen, und hierzulande muss er auf Ohren stoßen, die ihm auch dann zuhören, wenn das Gehörte nicht immer mit den eigenen Werten vereinbar ist. Integration bedeutet nie allein die Einkörperung – ensomátosi des Anderen in die bestehende Gesellschaft und die totale Einbindung in das Wertesystem der einheimischen Gesellschaft, sondern neben der logistischen Bewältigung der Aufnahme der Flüchtlinge müssen immer auch Angebote gemacht werden zu Hilfestellungen für ein besseres Verständnis des geistigen Umfelds des zu Integrierenden.
Diese Vorbemerkung war nötig, um klarzumachen, welch glücklichem Umstand die Gründung der DGG Dortmund zu verdanken ist. Da ist zum einen Gisela Strube, die damalige Pressesprecherin der Dortmunder Actien Brauerei, als glühende Philhellenin, und da ist zum anderen Gerhard Ahl, der damalige Direktor des Dortmunder Arbeitsamts, der aber auch in Athen die Anwerbekommission für griechische Arbeitnehmer geleitet hatte und ganz offensichtlich zum Griechenfreund geworden war. Und als nun diese beiden Persönlichkeiten mit Gleichgesinnten – soweit ich weiß, war die heutige zweite Vorsitzende der Gesellschaft, Brigitta Knauer, auch schon dabei – am 11.Februar 1966 in Dortmund zur Gründung eines „Griechenlandkreises“ schritten, dies gleich mit einem Vortrag von Rodula Stathaki aus Athen über „Griechische Volkstänze und Trachten“ verschönerten und ganz gewiss auch mit einem guten Schluck Pils aus der Actien Brauerei begossen, war dieser Gesellschaft ein langes Leben gleichsam in die Wiege gelegt worden.

Die glückliche Verbindung bestand nämlich darin, dass in Dortmund von Anfang an auch der Mensch, der heutige Grieche aus dem heutigen Griechenland, im Vordergrund stand und seine Integration in Dortmund so gefördert und erleichtert wurde, dass er auch selbst zu Wort kam als Person und Träger einer zeitgenössischen griechischen Kultur. Und das hängt nun wiederum zusammen mit der Anbindung der Dortmunder Gesellschaft an die Rheinisch-Westfälische Auslandsgesellschaft, in deren Vorstand diese Gisela Strube war und hier genau die richtigen Akzente setzen konnte.
Sie haben bemerkt, dass ich Gisela Strube mit dem Attribut Philhellenin geschmückt und Gerhard Ahl einen Griechenfreund genannt habe. Ich erinnere nur daran, dass sich der letztgenannte 1971 gleich zweimal zu Wort gemeldet hatte, in den „Ruhr-Nachrichten“ mit „Gesetze für Ausländer reichen nicht“ und in der „Westfälischen Rundschau“ mit „…doch es kamen Menschen“ und dann noch einmal in den „Ruhr-Nachrichten“ 1992 in einem Artikel mit dem schönen Titel „Als der Ägäisfischer Bergmann wurde“.
Eine Ideologie, die heute inzwischen stark zurückgedrängt wurde, ist jene geistige Annäherung an Griechenland, die wir als Philhellenismus bezeichnen. Bevor wir in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal einen Griechen in Deutschland zu Gesicht bekamen, waren deutsche Bildungsreisende durchaus schon einmal in jenes Land gereist, das sie allerdings Hellas nannten, und als man ihnen nach ihrer Rückkehr die Frage stellte, wie sie sich denn mit den dortigen Hellenen verständigt hätten, zur Antwort bekam, nicht einmal das andra moi ennepe musa oder andere Brocken aus dem Altgriechischunterricht am Humanistischen Gymnasium hätte man dort verstanden oder goutiert. So kam es, dass gerade diejenigen, die der griechischen Kultur von Haus aus am nächsten standen, sich am ehesten in den altgriechischen Elfenbeinturm mit Erasmischer Aussprache zurückzogen und zur Ansicht kamen, sich zum Neugriechischen keine weiteren Gedanken machen zu müssen.
Wir haben von Griechenland nur die Anschauungen übernommen und fest in unsere Kultur integriert, die uns die sogenannten Humanisten, später dann die Philhellenen nach ihren eigenen Kriterien als vorbildlich hingestellt haben. Mitteleuropa ist im Rahmen der Renaissance auf die Möglichkeit hingewiesen worden, antike, und speziell griechische Ideale der Gesellschaftsordnung zu übernehmen, sich zu eigen zu machen und sich danach zu verhalten. Und dieses Angebot wurde hierzulande und vor allem im preußischen Berlin und im ebenfalls protestantischen Württemberg derart reichlich genutzt, dass die Pflege der humanistischen Studien einen einzigartigen Höhenflug erlebte.

Und es war diese Ausrichtung auf die Werte der Klassischen Antike, von der man sich einen Neuzugang zu einer klaren moralischen Instanz erhoffte, nachdem die Ideologie des Dritten Reichs nicht nur in den realen Untergang, sondern auch in die geistige und kulturelle Katastrophe geführt hatte. Es war nach Auschwitz auch für die Gründung vieler Deutsch- Griechischen Gesellschaften in Deutschland oft ausschlaggebend, ein Forum zur Stabilisierung und Besinnung auf jene unantastbaren antiken Werte zu schaffen.
Meine Generation hat nun erlebt, wie die Wiederbelebung der Klassischen Studien nach dem 2. Weltkrieg der globalisierenden Verflachung zum Opfer fiel. Der Fabeldichter Äsop hätte gesagt, das musste so kommen, weil jene Rückbesinnung auf die klassischen Werte der Antike den Gesetzen der zeitgenössischen Natur widersprachen. War jene Natur doch gewachsen aus der Überwindung der mittelalterlichen Glaubensgemeinschaft der Kirche in der Bewegung der Renaissance und erwachsen aus den Ideen der Aufklärung nach der Französischen Revolution. Die Ideologie des Humanismus, in Deutschland gepaart mit einem kräftigen Schuss Romantik, fiel nach dem Krieg eben nicht mehr auf den Nährboden, ohne den sie sich nicht mehr entfalten konnte.
Dies betraf also vorwiegend Deutsch-Griechische Gesellschaften, die vor 1966 gegründet wurden, mit der bemerkenswerten Ausnahme der DGG Mülheim. Gretel und Hubert Just waren zwar noch getragen von den klassischen Werten der antiken griechischen Philosophie, sie waren aber nicht bereit, Kultur und Landschaft (Gretel Just die Malerin!) des heutigen Griechenlands außen vor zu lassen. Das war ein Angebot, von dem die DGG im benachbarten Dortmund abgucken konnte. Das war aber noch nicht das Ende der Ideologie des „35.Vortrags zur Akropolis“, wie wir Studenten der Klassischen Philologie in München das Veranstaltungsprogramm der DGG in jenen Jahren abschätzig karikierten.

Die allmähliche Aufweichung der Konzentration auf die klassische griechische Antike geschah mehr oder weniger auf von der Ideologie der Hellenenfreunde nicht infizierten Nebenstraßen. Über eine Million Mal wurde jener Alexis Sorbas von einem Nikos Kasantzakis allein in Deutschland verkauft, der Film mit Antony Quinn war ein Meisterwerk, und dann jene fabelhafte Melina Merkuri in „Sonntags nie“ und Nana Muskuri mit ihren „Weißen Rosen aus Athen“ von der Sammlung von Sprachwitzen mit dem Titel „Das ist bei uns nicht Ouzo“ einmal abgesehen. Die Deutschen, die in der Nachkriegszeit in ein „Griechenland ohne Säulen“ – das war der Bestseller von Johannes Gaitanides – kamen, fühlten sich in jenem Land der Nachkriegs- und der Nachbürgerkriegszeit auch deshalb so wohl, weil die althergebrachte und in der griechischen Kultur aller Zeiten fest verankerte Philoxenia es den Griechen als unziemlich erscheinen ließ, den Xenos nach den Gräueltaten der deutschen Wehrmacht, nach den der Hungersnot zum Opfer gefallenen Toten und nach der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Griechenland ausdrücklich zu fragen oder gar in Rechnung zu stellen, wie es bei vielen Nachbarländern Deutschlands der Fall war.
Zwei Ereignisse stehen am Beginn einer mehr oder weniger radikalen Neubewertung Griechenlands und der Griechen in den Sechziger Jahren. Zum einen die sogenannten griechischen Gastarbeiter, zum andern die politischen Ereignisse nach dem Militärputsch vom 21. April 1967 mit der überwältigenden Welle der Solidarität in Deutschland gegen die Diktatur in Griechenland.
Wie diese erste Generation von griechischen Gastarbeitern in diesem fremden Deutschland zurechtkommem musste, war – im Rückblick – eher atemberaubend: mit einer befristeteten Aufenthaltsgenehmigung, ohne Sprachkenntnisse, ohne Frau, Freundin, Mann, ohne Telefon – das Handy war noch nicht erfunden -, ohne Flugverbindungen, ohne Fernsehen, ohne…, ohne…

. Ich zitiere aus Manuel Gogos GZ 28.4.2010:
„Ich hörte, dass Arbeiter nach Deutschland gehen. Es gab Gerüchte: Schön in Deutschland, hat viel Grün (poli prasino). Und meine Mutter weinte nur und fragte mich: Wo willst du hin, du bist doch ein Mädchen. Aber ich war fest entschlossen. Und dann, als wir in Piräus aufs Schiff gingen, da spielten sie dieses Lied von Kasantzidis, das werde ich nie vergessen: “Mutter, ich zieh in die Ferne, weine nicht!“ Und meine Mutter weinte und weinte.“
Sind diese Gastarbeiter der ersten Generation integriert worden? Haben vielmehr nicht die, die einer Integration gegenüber aufgeschlossen waren, sich selbst integriert, oft sogar gegen die Widerstände großer Teile der Bevölkerung? Damals hat man eine klare Antiintegrationspolitik betrieben. Jeden Tag verkündete ja wieder ein anderer Politiker, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Weshalb z.B. die Argumente, die für einen regulären Schulbesuch der griechischen Kinder in den deutschen Schulen oft auf taube Ohren der Eltern stießen und zu einem Run nach Bayern geführt hat, dem einzigen Bundesland, in dem griechische Privatschulen geduldet und anerkannt waren. Dieses Gefühl des Im-Grunde-nicht-Erwünscht-Seins war sehr stark ausgeprägt und änderte sich erst mit der Aufnahme Griechenlands in die EU im Jahre 1991. Da waren allerdings viele schon längst wieder nach Griechenland zurückgekehrt und wohnten in ihren mit in Deutschland erarbeiteten Mitteln gebauten Häusern. Der griechische Sozialberater Sakis Porichis, der übrigens Mitbegründer unserer DGG in Köln war, hat in Worte gefasst, wie ernsthaft sich damals die deutschen Behörden um diese Gastarbeiter kümmerten:
Was die Griechen dieser ersten Generation mit Griechenland verband, waren die Lieder der Heimat, regional und überregional. Schwermütige Volkslieder , aber auch jeder neue Hit von Theodorakis oder Chatzidakis. Die Sänger waren Bithikotsis neben Tsitsanis, Kasantzidis neben Marinella und Sotiria Bellou.
Und dann passierte am 21. April 1967 folgendes: An diesem Tag wurde die DGG Dortmund in der Hauptversammlung in Mülheim in die Dachgesellschaft
„Vereinigung der DGG in der BRD und Westberlin“ aufgenommen. Das war ein Samstag. Meine Frau und ich saßen an diesem Tag beim Frühstück in Thessaloniki und wurden hellhörig, als statt der Frühnachrichten im Radio Marschmusik erklang. Vom Balkon aus konnten wir auf der Straße einen Panzer bewundern und hörten die Kinder „Polemos – Polemos“ – Krieg, Krieg rufen. Da wir kein Telefon hatten, bestätigte erst die Meldung im Rundfunk die Machtergreifung durch die Obristen. Doch das für heutige Verhältnisse Unvorstellbare ist dies: Am selben Tag, und zwar erst abends, nimmt der damalige Präsident des Dachverbands der DGG, Dr. Stercken, die Dortmunder Gesellschaft in Ehren auf!

Einen tiefen Einschnitt auf allen Ebenen bedeutete diese Installierung des Obristenregimes in Griechenland. Auch in Deutschland formiert sich viel Widerstand, oft ausgedrückt im Lied. Nie waren Mikis Theodorakis, Maria Faranturi, Petros Pandis mit den Vertonungen von Gedichten von Jannis Ritsos populärer. In Köln rief die Stimme der Deutschen Welle zum Widerstand auf und gab der Hoffnung auf die baldige Rückkehr der Demokratie ihren Ausdruck. Die Griechen in Deutschland bezogen ihre Informationen von der unerschütterlichen Stimme von Pavlos Bakojannis und gaben sie an die deutschen Demokraten der 68-Generation weiter. Im Rückblick kann man behaupten, jene Griechen hatten in Deutschland von 1967 – 1974 durch die deutsche Solidarität gegen das griechische Militärregime einen Status erreicht, der zu einer herausgehobenen Wahrnehmung durch die breitere deutsche Öffentlichkeit geführt hatte.

Die DGG Dortmund steht nicht an, ihr Bekenntnis zur Demokratie zu zeigen: Im Sommer 1969 lud sie zu einem Seminar „Zwei Jahre Diktatur in Griechenland – eine Bestandsaufnahme“. Gisela Strube erinnert sich in einem Interview: „Es kam zu einer Bombendrohung im Auslandsinstitut, die uns zwingen sollte, das Seminar auszusetzen.Ich ließ mich aber nicht beeindrucken. Das Seminar fand statt und erfuhr großes Echo, weit über die Grenzen Dortmunds hinaus“. Als sich die griechischen Dichter vom Rang eines Jorgos Seferis (Nobelpreis für Literatur 1963) und Schriftsteller 1971 mit einer Sammlung mit dem Titel „18 Texte“ zum Widerstand bekannten, wurde deren Initiator Theophilos Frangopulos zu einem Vortrag eingeladen mit dem Thema „Moderne Dichtung in Griechenland – Dichtung in Unfreiheit“. Im übrigen war es ja nicht so, dass alle DGG in Deutschland sich gegen das Militärregime in Griechenland stellten. Große Verdienste erwarb sich damals Isidora Rosenthal – Kamarinea, die Professorin für Neugriechische Philologie an der Universität Bochum, als sie in dem offiziellen Publikationsorgan des Dachverbands der DGG „Hellenika“ allen Anfeindungen und Versuchen der Einflussnahme die demokratische Stirn bot. In Dortmund bemühte man, besser „frau“ sich auch intensiv um die Ausreise regimekritischer griechischer Professoren aus Griechenland, was für Frau Strube nicht zuletzt zu der Anlage einer Schwarzakte bei der Geheimpolizei in Athen führte.
Im Mai 1976 konnte die DGG Dortmund nun die Ernte einfahren, die die langjährigen Bemühungen um die Darstellung eines zeitgenössischen demokratischen Griechenlands geschaffen hatten: Die Auslandskulturtage der Stadt Dortmund mit dem Schwerpunkt Griechenland. Ich zitiere erneut Gisela Strube aus dem von Silvia Eck – Pfister redigierten,1994 von der Auslandsgesellschaft Dortmund herausgegebenen Band mit dem schönen Titel

„Für eine Welt der Humanität und Toleranz“: „Wir hatten es geschafft! Es war der erste Auftritt Griechenlands im Ausland nach Beendigung der Diktatur.“
Der damalige griechische Ministerpräsident, Konstantinos Karamanlis, brachte es in seinem Grußwort auf den Punkt: “Die Auslandskulturtage der Stadt Dortmund sind ein Beweis dafür, wie lebendig und gegenwartsbezogen der Philhellenismus der Deutschen sein kann.“
Da kommt er also wieder zum Vorschein, der Philhellenismus, von dem wir sprachen. Wir hatten ihn in den politischen Wirren der Militärdiktatur eigentlich nicht sonderlich vermisst. Aber wir haben nicht vergessen, dass wir in Deutschland durchaus einen Sonderweg gehen zum Verständnis Griechenlands. Zum einen die „Pflege der Antike“ – die große Spendenaktion der DGG mit der Parole „Rettet die Akropolis!“ wurde von Dortmund nachhaltig unterstützt, die Westfälische Rundschau titelte am 19.4.1986 so schön: “Aktion Rettet die Akropolis!“ half Restauratoren aufs Gerüst“, und zum anderen die tatkräftige Hilfe für das heutige Griechenland im Rahmen der Aktion Amorgos. Die DGG Mülheim hatte die Federführung, Günter Leußler und Gerd Frank haben sich in das Buch jener Geschichte eingetragen.
Oder andere Glanzlichter wie die Fachtagung zur Situation in der deutsch- griechischen Hetzpresse „Zerrbild und Wahrheit“, oder die Hilfsaktion „2011 Eichen für Kaisariani“ nach den Waldbrandkatastrophen der letzten Jahre. Aktuell dazu die Solidaritätsaktionen zugunsten von „Ärzte der Welt“, u.a. im vergangenen Jahr mit dem Konzert mit der Gruppe Rebetiko in Kooperation mit dem ebenfalls sehr aktiven Verein griechischer Akademiker in NRW und seinem rührigen Vorsitzenden Dr. Zois Vrettos. Für das Konzert am 27.4. mit der Gruppe Paradoxon liegen Einladungen hier aus.

Mehr unterschwellig kam auch in Deutschland ins Blickfeld der Bereich der griechischen Kultur, der für die Griechen aller Zeiten geradezu existentiell war und ist. Wir sahen hier Hellenen, die immerzu und bei allen Gelegenheiten lauthals ihre Lieder sangen und jede Kneipe zum Tanzboden erklärten. Das blieb bei den Deutschen nicht unbemerkt. Nicht mehr Hölderlins Diotima war die Parole, sondern bei der Kölner Rock- und Popgruppe Bläck Föss war vom Busuki spielenden Kostas die Rede: Costa spellt Busuki An der Qetsch do spellt d´r Hein Mikis danz Sirtaki Jeder föhlt sich wie doheim.
Hier erschloss sich den Deutschen eine Lebenskultur, die sie vorher nicht gekannt hatten. Sie wollten diese Lieder lernen und, vor allem, sie tanzten mit. Die griechischen Tanzkurse nicht nur in den Volkshochschulen übertrafen schnell die Sprachkurse für Neugriechisch.
Und wenn Sie heute in Dortmund nach Sokrates fragen, werden Sie oft als Antwort bekommen: Ist das nicht der Abwehrspieler beim BVB? Sein griechischer Zuname Papastathopulos scheint für Deutsche unüberwindbar zu sein. Dabei hatte doch unsere hiesige Vorsitzende, Frau Dr. Müller in zig Seminaren zur griechischen Philosophie des Altertums und des Mittelalters so viele Gelegenheiten geschaffen, sich zu jenem Sokrates des Platon zu informieren.
Die Griechen sind also in Deutschland nicht nur angekommen, sondern sie sind auch in der deutschen Gesellschaft fest integriert. Sie haben sich auf ihre edlen Vorfahren berufen und haben damit in der gebildeten Bürgerschicht zunächst die gebührende Achtung erreicht. Da dieser Teil der Bildung in Deutschland aber mittlerweile weggebrochen ist, werden sie heute wahrgenommen als kommunikationsfreudige Nachbarn. Was die Griechen den Deutschen nicht vermitteln konnten, sind ihre Lieder und ihre Sprache. Selbst wenn heute 100 000 Deutsche in Griechenland zumindest einen zweiten Wohnsitz haben – davon allein 40 000 auf Kreta – , so reichen ihre Sprachkenntnisse im Griechischen in der Regel nicht aus, die griechische Kultur am Ort wahrzunehmen. Im besten Fall tanzen sie mit, aber sie bleiben oft Fremde, weil sie nicht in die platonische Idealeinheit von Sprache, Musik und Tanz hineingeboren wurden.
In den Vorständen der DGG in Deutschland haben die Griechen mittlerweile ihren festen Platz. Von den 47 Gesellschaften haben 18 einen Vorsitzenden griechischer Herkunft. Einige Gesellschaften haben Griechisches in ihrem Titel, darunter nicht zuletzt unsere POP, die Politistiki Omada Protovulias, was die Übersetzung ist von ‚Initiative Griechische Kultur’. Es sind diese Griechen, die diese Aufklärung selbst mitgemacht haben und diese vertreten. Die heutigen DGG kümmern sich nicht nur um die Pflege der Erinnerung an Winckelmann und in Ottobrunn an den Wittelsbacher Otto von Griechenland (zwischenzeitlich gab es auch einen westfälischen Otto, den Rehakles), sondern sie haben sich auch aktiv an die Aufarbeitung der Naziverbrechen in Griechenland gemacht.
Der Dachverband gibt nach wie vor das illustre Jahrbuch „Hellenika“ heraus, wo der Chefredakteur Cay Lienau mit seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern unermüdlich und bewundernswert jene glorreiche Tradition aus Kamarineas Zeiten glorreich weiterträgt.
Neben den Bemühungen, das Deutsch-Griechische Jugendwerk nach dessen Gründung auf irgendeine Art in Gang zu bringen, hat sich auch hier Sigrid Skarpelis – Sperk große Verdienste erworben. Sie feiert im übrigen in diesem Jahr ihre 20-jährige Präsidentschaft im Dachverband der DGG.
Da es keine griechische Kulturtradition in Deutschland in griechischer Sprache gibt, ist die Dritte Generation zwar in der deutschen Gesellschaft voll integriert, verzichtet aber längerfristig auf die griechische Sprache. Worauf sie im Augenblick noch nicht verzichtet, sind die Lieder, die wir hierzulande Schlager nennen. Hier wäre noch einmal so ein Ansatzpunkt, die griechische Jugend in Deutschland anzusprechen und sie zu bitten, auch ihren deutschen Freunden einen Zugang zu diesem Bereich ihrer althergebrachten Kultur zu vermitteln. Wir wollen nicht vergessen, dass der Satz, der von Jürgen Rompf in einem Artikel der Griechenland Zeitung (es liegen ein paar Exemplare der vergangenen Woche hier aus) vom 23, März 2016 wiederholt wurde: “Die Heimat ist mir fremd geworden, und die Fremde keine Heimat.“
Die im Augenblick stattfindende neue Einwanderungswelle von Griechen in Deutschland sollte und wird auch die DGG nicht unbeeindruckt lassen. Wieder einmal geht es um mögliche Hilfen für die Integration dieser Menschen in Deutschland. Vor allem die mitgereisten und mehr oder weniger aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissenen Kinder und Jugendlichen bedürfen unserer Hilfestellung am dringendsten. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse sind sie in dieser Gesellschaft so gut wie ohne Hoffnung auf eine Zukunft. Die griechischen Schulen sind auf ein Minimum zusammengestrichen worden, da diese Dritte Generation der damaligen Gastarbeiter längst gerade mit ihrer Bildung glänzt, abzulesen jeden Abend in der ARD Tagesschau, wo uns Linda Zervakis nicht die Leviten, sondern die Meldungen des Tages liest.
Die DGG werden sich diesen und weiteren neuen Herausforderungen unserer Zeit stellen. Ich würde z.B. spontan ein Seminar vorschlagen, das uns die Rolle Syriens im Byzantinischen Reich vor der arabischen Eroberung erklärt und zugleich darauf hinweist, wieviel griechische Kultur ein heutiger Syrer noch in sich trägt, zumal wenn er in einer griechisch-orthodoxen Umwelt groß geworden ist. Ich darf daran erinnern, dass der bedeutendste Dichter griechischer Zunge des Mittelalters, Romanós mit dem Beinamen Melodos, d.h. Meistersinger, syrischer Herkunft war, und zwar aus Emesa, dem heutigen Homs. Er dichtete auf Griechisch, und alle Griechen auf der ganzen Welt singen in der Fastenzeit vor Ostern bis heute seine Hymnen. Rafik Schami selbst, oder aber ein anderer syrischer Intellektueller sowie der griechisch orthodoxe Patriarch von Antiocheia mit Sitz in Damaskus, Ioannis, wären gewiss bereit, uns diese Rolle der griechischen Kultur in Syrien zu erklären.
Es bleibt uns, der DGG Dortmund, ihrer Vorsitzenden, Frau Dr. Müller, der Rheinisch-Westfälischen Auslandsgesellschaft sowie dem Dachverband der DGG in Deutschland und der Stadt Dortmund alles Gute für eine Zukunft der Förderung der deutsch-griechischen Beziehungen zu wünschen. Chronia Polla!